Leserbrief

Spaltung in unseren Schulen aufheben

Zum Artikel „FDP tritt neue Debatte los“ vom 5. Dezember:

Die FDP fordert die Wiedereinführung der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung (GSE). Drei Zitate aus dem Bericht in Ihrer Zeitung und drei Repliken.

1. „Die FDP will die Wahlfreiheit der Eltern … einschränken.“ Es irritiert mich doch sehr, dass ausgerechnet eine „freiheitliche“ Partei die Wahlfreiheiten von Eltern einschränken will. Es irritiert mich weiterhin, dass eine so reformfreudige Partei (Digitalisierung, Privatisierung, schlanker Staat, möglichst keine Eingriffe des Staates, Fortschritt über alles…), ausgerechnet in der Schulpolitik den Eingriff des Staates wünscht: zurück zur Verbindlichkeit der GSE! Was sagen denn die Eltern dazu?

2. „Ein leistungsstarkes Schulsystem braucht eine verbindliche Grundschulempfehlung.“ Herrn Rülke scheint es entgangen zu sein, dass es außerhalb Deutschlands sehr leistungsstarke, ja sogar wesentlich leistungsstärkere Schulsysteme gibt. All diese Systeme haben überhaupt keine GSE, liegen aber dennoch – oder gerade deswegen – in allen Studien seit Jahren vor Deutschland! Diese Systeme haben keine drei verschiedenen Schularten, in welche die Schüler wie bei uns (und nur bei uns!) mit Hilfe der GSE „passgenau“ (CDU-Slang!) in drei verschiedene Schubladen gepresst werden. Und das im Alter von zehn Jahren!

3. Herr Rülke, Fraktionschef der FDP im Stuttgarter Landtag, führt offenbar den „beispiellosen Einbruch der Schülerleistungen“ auch auf den Wegfall der Verbindlichkeit der GSE zurück. Immer wenn es zu einem „beispiellosen Einbruch der Schülerleistungen“ kommt, greifen die Konservativen – die CDU, die FDP und natürlich auch die AfD – reflexhaft auf alte, so genannte „bewährte“ Werkzeuge zurück, als da sind: Noten in der Grundschule ab erster Klasse, permanente Vergleichsarbeiten, Abstufungen (Sitzenbleiben, Schulwechsel), verbindliche GSE, strengere Selektion Ende der vierten Klasse und dadurch (vermeintlich) bessere Homogenisierung der Klassen in den weiterführenden Schulen der Sekundarstufe, und das alles in einem überholten gegliederten Schulsystem!

Ein „leistungsstarkes Schulsystem“ braucht aber all das nicht. Es braucht diese alten, vor 200 Jahren vielleicht mal „bewährten“ Werkzeuge genauso wenig wie die Industrie den Faustkeil. Was also braucht ein leistungsstarkes System? Es klingt tatsächlich banal, ist aber der wichtigste Punkt: Es braucht zunächst einmal überhaupt Lehrer. Möglichst qualifizierte (empathische, zugewandte) Lehrer, es braucht eine Schule für alle (keine Selektion in Klasse vier), es braucht ein komplettes Umdenken in Schulpolitik und in der Gesellschaft. Wir müssen endlich raus aus der pädagogischen Steinzeit!

Noch ein Wort zu der Situation in Mannheim. Wir haben in der Stadt eine Gesamtschule und zwei Gemeinschaftsschulen. Alle drei Schulen sind überlaufen, die IGMH seit Jahrzehnten. Diese integrierten Schulen hätten das Potenzial, soziale Benachteiligungen abzumildern oder sogar aufzuheben. Warum gibt es davon nicht mehr? Wer die Spaltung in der Gesellschaft stoppen will, muss die Spaltung in unseren Schulen aufheben. An die Arbeit, FDP! (von Jürgen Leonhardt, Mannheim)

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2Qb6H2z