Leserbrief

„Sprich, damit ich Dich sehe“

Walter Serif weist in seinem Beitrag auf den sprachlichen und damit kulturellen Niedergang in Teilen unserer Gesellschaft hin. Dabei verortet er diesen Sprachverfall nicht nur bei fragwürdigen Demonstrationen gegen sinnvolle Regeln und Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise, sondern auch in asozialen Netzwerken. Hinzu kommen prominente Politiker.

Leider wird der Kreis der Menschen und Institutionen in diesem Land immer größer, die am anschwellenden Abgleiten der Sprache vom Derben ins Unappetitliche, Beleidigende, Herabsetzende und aggressiv Ordinäre ansteigend Gefallen finden. Als Oberschüler fanden wir das Zitat des Götz von Berlichingen noch überraschend mutig, deftig und Klasse, entstammte es doch der Feder unseres Dichterfürsten Goethe, der sich hier mit den ausgebeuteten Bauern solidarisierte.

Politisches Beben

Als im März 2016 der Studienabbrecher, Fernsehmoderator und Satiriker Jan Böhmermann im Fernsehen in einem Schmähgedicht den türkischen Präsidenten Erdogan beleidigte, löste er damit ein politisches Beben aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel fand das Gedicht als „bewusst verletzend“. Das führte in der Öffentlichkeit zu kontroversen Diskussionen. Später nannte sie ihre Äußerung einen Fehler, ließ aber die Strafverfolgung nach § 103 StGB (Beleidigung von Vertretern ausländischer Staaten) zu und erklärte gleichzeitig, dass sie dafür plädiere und eintrete, den § 103 StGB abzuschaffen.

Anfang Oktober 2016 verkündete die Staatsanwaltschaft Mainz die Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen Böhmermann. In der Begründung hieß es, dass eine Karikatur oder Satire keine Beleidigung sei, wenn die Überzeichnung menschlicher Schwächen keine ernsthafte Herabwürdigung der Person enthalte. „Am 1. Juni 2017 beschloss der Bundestag einstimmig die Abschaffung des § 103 StGB; sie trat am 1. Januar 2018 in Kraft.“

Von Juristen geduldet

In seinem Beitrag kritisiert Walter Serif den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, „der einst den unsäglichen Begriff ‚Asyltourismus’ in die Debatte einführte.“ Im Lichte des gegenwärtigen Sprachverfalls, der uns von verwirrten Demonstranten, Politikern, Fernsehmoderatoren und so weiter zugemutet und von Juristen geduldet wird, möge man bei Franken vom Schlage Söders Milde walten lassen und sich an den Spruch von Sokrates erinnern: „Sprich, damit ich dich sehe“.

Rudolf Jansche, Wilhelmsfeld

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