Leserbrief

Sterbehelfer sitzen im Gemeinderat

Zum Artikel „Es ist der erste große Schmerz in meinem Leben“ vom 9. März:

Ich bedanke mich bei der Redakteurin Anke Philipp, dass sie die „MM“-Leser an Gerlinde Schnittlers Friedrichspark-Erinnerungen teilhaben ließ. Auch ich kenne hochbetagte Menschen, die sich noch an den Friedrichspark in seiner alten Größe und Gestalt erinnern. Es muss wahrlich geschmerzt haben, diesen Park sterben zu sehen. Es schmerzt aber nicht minder, dass aktuell die Chance verpasst wird, nach Abriss des Eisstadions das, was an Parkareal geblieben ist, „wiederzubeleben“.

Mannheim scheint auch in der Gegenwart „kurfürstlich“ regiert zu werden und Gemeinderäte stimmen einfach zu – statt gemäß ihrem Auftrag als „gewählte Volksvertreter“ – die Interessen der Bürger umzusetzen. Die städtebauliche Katastrophe an der markantesten Stelle der Stadt nahm schon vor geraumer Zeit mit dem Verkauf der Grundstücke in A 5 und B 6 an das Land ihren Lauf. Die Erweiterung der Universität in diesen Quadraten und im Friedrichspark war stets so beabsichtigt und damit beispielsweise eine attraktive Wohnbebauung mit viel Grün wie in C 7 nie erwogen worden.

Gesonderter Ideenwettbewerb

Was entstand und gerade im Entstehen ist, sind Funktionsgebäude im Brutalismus-Stil. Wann legte je ein Gemeinderat ein Veto gegen der Verkauf der Grundstücke an das Land und die daraus folgende Bauklotz-Architektur ein? Warum verhinderte ein Gemeinderat nicht den geteilten Architektenwettbewerb, in dem es laut Ausschreibung gezielt um die Bebauung des Friedrichsparks ging und lediglich in einem gesonderten Ideenwettbewerb um die Gestaltung des Hafengeländes und dessen Anschluss an die Innenstadt? Hierzu wurde ein sogar preisgekrönter Entwurf eingereicht, der es der Universität erlaubt hätte, sich ohne Zerstörung des Friedrichsparks im Hafengebiet mit fußläufig kurzer Distanz zum Schloss auszubreiten. Ich empfehle nicht nur Gemeinderäten, sich das Programm „Blau Mannheim Blau“ anzusehen, einst aufgelegt, um die Stadt an ihre Flüsse zu bringen. Die heute 91-jährige Gerlinde Schnittler hatte es geahnt: „Mein Friedrichspark, der ist für alle Zeiten gestorben.“ Und die Sterbehelfer saßen und sitzen im Gemeinderat. (Dorothea Tilger, Mannheim)

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2YqCnnG