Leserbrief

Stille ist ein hohes Gut

Zum Debattenbeitrag „Ist Stille heute wichtiger denn je, Herr Kitzler?“ vom 18. August:

Zunächst herzlichen Dank für den Beitrag von Herrn Dr. Kitzler zum Thema Stille. Ich gehöre zu der Nachkriegsgeneration, die sich von der Digitalisierung nicht zum Sklaven der Medien herabwürdigen lässt. Wir haben zwar auch ein Smartphone, ein Tablet und einen Computer – aber wir laufen oder fahren nicht mit Stöpseln in den Ohren blindlings durch den Verkehr. Einige von uns wissen es noch: In der Ruhe liegt die Kraft! Die Stille ist ein sehr hohes Gut, das täglich weniger wird.

Die Animation nimmt zu und viele brauchen diese, um nicht über sich selbst und die Welt nachdenken zu müssen. So werden sie willfährige Objekte der Werbung und auch der Politik. Was nützt es einem, stets das ganze Wissen der Menschheit parat zu haben, wenn der Einzelne die Gegebenheiten so wenig beeinflussen kann? Die Ohnmacht macht krank. Die ritterliche Tugend des rechten Maßes zwischen Kontemplation und Aktivismus zu finden, das ist unsere, nicht leichte Aufgabe. Bitte bringen Sie mehr solche Beiträge, vielleicht rüttelt es den einen oder anderen ein bisschen auf.

Klaus Tremmel, Ketsch

Die innere Ruhe, die Stille, das Innehalten, sind in der Tat wichtiger denn je. Doch stattdessen forcieren wir das urbane Leben; den Rausch nach immer mehr Technik und dem Volldröhnen mit allen nur denkbaren Kommunikationsmitteln. Im Verhältnis zu den jeweiligen Epochen hat sich das nicht verändert, bloß die Mittel sind Andere. Die großen Philosophen haben bereits „zu ihren Zeiten“ erkannt, dass Stille die Kraftquelle für ein sorgloses Leben bedeutet. Denken wir an den Buddhismus, der Elemente der Meditation mit der Stille verknüpft.

Bewusster Verzicht

Wie Kitzler unisono feststellt, sind wir heute allerdings weit entfernt von dem Ruhepol unseres Lebens. Im Gegensatz zu den Stoikern lassen sich Menschen in unserer Zeit determinieren und treiben von alltäglichen Einflüssen, die beinahe pausenlos „unsere Zeit verschwenden.“ Der Materialismus ist zum Ersatz für den Seelenfrieden mutiert. Der Hinduismus, die Bhagavad Gita, spricht zum Beispiel von Zweiheit von Natur und Geist. Es zeigt, dass zu allen Zeiten die Stille, durch Einheit von Körper, Seele und Geist, als innere Quelle der Kraftschöpfung standen.

So gesehen, handelt es sich hierbei um kein neues „Phänomen“, sondern den Versuch einer Erneuerung in der zunehmend hektisch werdenden Welt. Zugegeben, die Umwelt macht es uns nicht leicht, diese Ausgewogenheit zu finden. Aber dort, wo wir selbst bestimmend handeln könn(t)en, zum Beispiel der bewusste Verzicht ständig online zu sein, ergäbe sich Freiraum für die Ruhe, wie wir sie brauchten.

Karl-Heinz Schmehr, Lampertheim

Aus meiner Sicht kann ich den Betrachtungen und Ausführungen Dr. Kitzlers uneingeschränkt zustimmen. Der digitale Stress, der seine Tentakel in nahezu jeden Bereich unseres täglichen Lebens streckt, wächst weiter. Ruhephasen werden in dieser Welt selten. Das zeitweise Ausklinken wird aus Gründen der seelischen Gesundheit zur Pflicht, aber für viele immer schwieriger.

Die wichtigsten und kreativsten Momente erreichen Menschen in diesen Tagen abseits der modernen Welt. Was gibt es Schöneres, als mit dem Fahrrad in der Natur auf einen lauschigen Biergarten zu treffen? In einer Mußestunde im Privaten schrieb ich vor Jahren ein Gedicht zum Thema, das in den Worten gipfelt:

„Das Wesen der Zeit liegt in der Geschwindigkeit des Lichtes und wenn die Farben sich verschieben, dann bleiben wir zurück. Ganz ohne Sinn ist es, an Eile festzuhalten. Nehmt alle Hast weit fort von mir. Lasst Langsamkeit, lasst Stille walten, und in der Ruhe findet Glück“.

Uwe Merkel, Mannheim

Info: Zum Originalartikel geht es hier entlang