Leserbrief

Stunde für Merkel schlägt

Zum Artikel „Wie eine Kanzlerinnen-Dämmerung“ vom 21. November:

Bereits in den letzten Tagen des Wahlkampfes wurde offenkundig, dass es trotz vieler Schönmalerei – man sollte es nicht für möglich halten – auch echte Defizite bei uns im Lande gibt. Für Frau Merkel scheint dies irgendwie alles unter „innenpolitischem Kleinkram“ zu rangieren, der lästig ist. Allein die „großen“ Dinge dieser Welt sind für sie von Bedeutung. Das innenpolitische „Kleinklein“ wird hinter „ihrem“ Deutschland versteckt, „in dem wir gut und gerne leben“.

Ein Fast-Sieg

Das Wahlergebnis bringt es an den Tag, kalt und nüchtern. Die Union (CDU/CSU) erhielt nur 33 Prozent der Wählerstimmen, ein Minus von 8,3 Prozent. Frau Merkels stures „Weiter so!“ kam bei den Menschen, eben jenen, die von Defiziten betroffenen sind, überhaupt nicht gut an. Sie haben ihren Protest bei der AfD abgeladen.

Obwohl Frau Merkel das schlechteste Wahlergebnis seit 1949 für die Union eingefahren hat, wurde es von ihr lapidar mit „Ich sehe nicht, was wir anders machen sollten“ kommentiert. Lediglich ein „Wir hatten uns ein besseres Ergebnis erhofft“, räumte Frau Merkel ein. Die Union sei aber stärkste Partei, ohne sie könne keine Regierung gebildet werden. Das strategisch wichtige Wahlziel habe die Union damit erreicht. So wurde kurzerhand aus der Fast-Niederlage ein Fast-Sieg gemacht.

Autorität in Frage gestellt

Das Blatt hat sich gewendet. Frau Merkels Macht bröckelt. Sie hat das Heft des Handelns nicht mehr in der Hand. Sie bestimmt das Geschehen nicht mehr, sie läuft ihm hinterher. Es liegt jetzt bei der SPD und Herrn Schulz, ob sie Kanzlerin wird oder nicht. Der heftige Machtverfall ist auch daran erkennbar, dass ein Minister (CSU) der geschäftsführenden Regierung Merkel entgegen der bestehenden Regierungsanweisung gehandelt hat. Er hat damit die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin und damit ihre Autorität offen in Frage gestellt.

Auf diesem Hintergrund lässt sich auch die gesamte Seehofer’sche Politik (CSU) seit 2015 (Flüchtlingskrise) einordnen. Art, Dauer und Intensität der Seehofer’schen Attacken können auch als systematische Demontage von Frau Merkel verstanden werden. Auch außenpolitisch dreht sich die Welt inzwischen ohne Frau Merkel weiter.

Hatte sie bisher unter dem besonderen Schutzschirm Barack Obamas als „Mächtigste Frau der Welt“ agiert und sich als Quasi-US-Präsidentin gefühlt, so legt die USA heute, mit Herrn Trump an der Spitze, keinen sonderlich großen Wert mehr auf Frau Merkels Rat. Dies ist für Deutschland und die Europäische Union (EU) sehr bitter. Denn Frau Merkel hatte ihre gesamte Politik an den USA ausgerichtet und damit Deutschland und die EU in eine höchst ungesunde Abhängigkeit gebracht.

Wem die Stunde schlägt! Sie hat bereits für Frau Merkel geschlagen. Sie weiß es nur noch nicht.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2jBDrpb