Leserbrief

Symbolkraft über Mannheim hinaus

Zum Thema Straßenumbenennungen in Rheinau Süd:

In dankenswerter Weise beschäftigte sich der „Mannheimer Morgen“ in seinem Lokalteil seit einiger Zeit mit der kolonialen Vergangenheit unserer Stadt, insbesondere mit der Diskussion um die geplanten Straßenumbenennungen in Rheinau-Süd.

Bekanntlich sind Straßenbenennungen – sofern es um Personen geht – Würdigungen und damit Ausdruck des jeweiligen Zeitgeists. Wie auch das der Diskussion richtungsgebende Mainzer Gutachten sehe ich vor dem Hintergrund der „Mannheimer Erklärung für ein Zusammenleben in Vielfalt“ die geplanten Umbenennungen als eine Angelegenheit der gesamten Stadtgesellschaft an. Zur laufenden Diskussion ein paar Anmerkungen: Gänzlich unstrittig sollte die Umbenennung des nach dem schwedischen Forschungsreisenden und Hitler-Bewunderer Sven Hedin benannten „Sven-Hedin-Weg“ sein. Die damalige, 1985 erfolgte Benennung war eine Fehlentscheidung des Gemeinderats. Man hätte es schon damals besser wissen können, hat aber eine genauere Beschäftigung mit Hedins Vita versäumt.

Nicht weniger dringlich ist aber auch die Umbenennung der nach den „Kolonialpionieren“ Lüderitz, Leutwein und Nachtigal benannten Straßen. Mit ihrem Wirken legten sie die Grundlage für die deutsche Kolonialpolitik in Afrika, mit der das Deutsche Reich im Wettlauf der imperialistischen Mächte um den „Platz an der Sonne“ sich seinen Freibrief zur Ausbeutung des afrikanischen Kontinents sicherte.

Chance für die Stadt

Die schließlich 1935 vollzogene Namensgebung in Rheinau-Süd erfolgte damals ganz gezielt im Geist der rassistischen und expansionistischen NS-Ideologie und sollte den Anspruch des NS-Staates nach nationaler Größe und Ausdehnung zum Ausdruck bringen. Zwei Überlegungen sind mir dabei wichtig:

Die Anwohnerinnen und Anwohner der strittigen Straßen dürfen nicht mit den Kosten der Umbenennung belastet werden. Aus den genannten Gründen muss hier die Stadt einspringen.

Ich sehe in den geplanten Straßenumbenennungen auch eine Chance! Diese besteht darin, dass die Stadt ihre erinnerungspolitische Verantwortung in einer vielfältigen Stadtgesellschaft übernimmt. Notwendig wäre ein offener Diskussionsprozess über die kolonialistische und rassistische Vergangenheit. Wenn zum Abschluss eines solchen Aufklärungsprozesses auch Straßennamen vergeben würden, die Frauen und Männer des antikolonialen Widerstandes ehren, so hätte das auch – ganz im Sinne der Mannheimer Grundwerte – Symbolkraft weit über Mannheim hinaus.