Leserbrief

Tierversuche sind zu großen Teilen nutzlos

Zum Artikel „Nur wenig Geld gegen Tierversuche“ vom 26. Juni:

Laut Bundesstatistik leiden und sterben rund drei Millionen Tiere jährlich in Tierversuchen unter entsetzlichen Umständen. Die Dunkelziffer liegt jedoch eher bei unfassbaren 7,7 Millionen Tieren, da Wirbeltiere und Kopffüßler sowie Tiere, die schon bei Zucht, Haltung und Transport sterben oder als sogenannter „Überschuss“ getötet werden, unberücksichtigt bleiben.

Wie auch in der Massentierhaltung wird Leben hier für rein menschliche Zwecke völlig achtungslos „produziert“ und „verbraucht“. Wenn wir bedenken, dass genau diese Haltung dafür verantwortlich ist, dass wir die Schöpfung und damit letztendlich uns selbst zerstören, wird deutlich, dass wir mit Lebewesen auf keinen Fall so umgehen dürfen.

Das besonders Erschütternde daran: Tierversuche sind größtenteils auch noch völlig nutzlos. Sage und schreibe 95 Prozent der potenziellen Arzneimittel, die im Tierversuch scheinbar wirksam und sicher waren, kommen nicht durch die klinische Prüfung, entweder wegen mangelnder Wirkung oder wegen schädlicher bis tödlicher Nebenwirkungen. Von den restlichen fünf Prozent muss später immer noch rund ein Drittel mit teils dramatischen Warnhinweisen versehen oder zurückgezogen werden.

Die Physiologie von Mensch und Tier ist nun mal nicht identisch, selbst zwischen den Geschlechtern oder Altersgruppen gibt es schon gravierende Abweichungen! So vertragen zum Beispiel Erwachsene Aspirin gut, bei Kindern kann es das lebensgefährliche Reye-Syndrom verursachen.

Bei Mäusen ist eine ein Millionen Mal höhere Dosis Bakterien nötig, um eine tödliche Blutvergiftung auszulösen. Und diverse Tierarten sterben sogar schon an geringen Mengen Penicillin.

Würde dieses heute entdeckt, käme es nicht durch den Tierversuch. Was für ein erschreckendes Szenario: Penicillin hat mehr Menschenleben gerettet, als alle anderen Medikamente zusammen. Dies zeigt deutlich: Tierversuche nützen nicht nur nichts, sie schaden sogar. Sie spiegeln eine Sicherheit oder auch Gefahr vor, die nicht vorhanden ist. Dadurch verhindern sie sogar die Entdeckung von Behandlungsmethoden, die wirklich wirksam wären. Immer mehr unabhängige wissenschaftliche Studien stellen daher Tierversuche massiv in Frage.

Die Autoren einer in der Fachzeitschrift „British Medical Journal“ veröffentlichten Studie urteilen zum Beispiel, dass bei der großen Anzahl aller Tierversuche der Erfolg einzelner Tests purer Zufall ist und durch die Gelder, die in der tierexperimentellen Forschung verschwendet werden, Medizinern und Patienten eine sinnvolle Forschung vorenthalten wird.

Thomas Hartung, unter anderem Direktor des „John Hopkins Zentrums für Alternativmethoden zu Tierversuchen“ bringt es auf den Punkt: „Der Mensch ist keine 70-Kilogramm-Ratte!“. Dass bei der Medikamentenentwicklung Tierversuche immer noch vorgeschrieben sind, hat vor allem den Grund, die Pharmaindustrie rechtlich abzusichern und dem Patienten ein falsches Sicherheitsgefühl zu vermitteln.

Unsere Nachbarn, die Niederländer, haben die Zeichen der Zeit erkannt und wollen bis 2025 eine führende Position auf dem innovativen Gebiet der tierversuchsfreien Forschung einnehmen. Die Forschung und staatliche Förderung wäre also mehr als gut beraten, ihren Schwerpunkt auf die aussichtsreicheren Ansätze der tierversuchsfreien Forschung zu legen.

Entsprechende Alternativmethoden liefern für den Menschen wirklich relevante und vor allem aussagekräftige Ergebnisse und bieten schon heute eine enorme Vielfalt an Möglichkeiten.

Trotzdem führen sie aufgrund verkrusteter wissenschaftlicher Strukturen und wirtschaftlicher Interessen immer noch ein Schattendasein: Über 99 Prozent aller Mittel fließen in die tierversuchsbasierte Forschung! Dass eine grün-geführte Landesregierung hier eine traurige Spitzenposition einnimmt, ist mehr als beschämend. Petra Gerner, Ilvesheim

Info: Originalartikel unter https://lmy.de/8nqz2