Leserbrief

Tradition kaum entwickelt

Zum Debattenbeitrag „Wie ticken die Russen wirklich, Herr Krumm?“ vom 4. Januar:

Russland ist in der Tat bis heute nicht ganz angekommen, wie in dem Beitrag von Reinhard Krumm auch festgestellt wird. Zwar haben Zaren wie zum Beispiel Peter der Große im 18. Jahrhundert oder die Sowjetkommunisten unter Stalin in den 1920er und 1930er Jahren mit staatlicher Gewalt und Druck, auch ohne Rücksicht auf menschliche Opfer, versucht, Russland industriell zu entwickeln. Teilweise mit Erfolg. Trotzdem sind Teile des Landes, wie hinter dem Ural, auch heute noch rückständig oder kaum erschlossen.

Viele ärmere Russen leiden auch heute immer noch darunter, dass im Winter die Heizung nicht funktioniert, sie kein fließendes Wasser haben. Deshalb sollte Putin, statt in der Welt militärisch und politisch eine große Rolle spielen zu wollen, sich mal um die sozialen Probleme der Leute und die Infrastruktur im eigenen Land kümmern. Dies setzt zudem voraus, dass auch die Korruption in der russischen Politik angegangen wird. Die jahrzehntelange Sowjetdiktatur hat dazu geführt, dass auch heute noch viele Russen eine Art Haltung gegenüber dem Staat haben, dass dieser ihre soziale Fürsorge und Versorgung sicherstellen soll, wie Reinhard Krumm in seinen Artikel auch erwähnt.

Erstaunliches Vertrauen

Dieses Vertrauen in den Vater Staat ist umso erstaunlicher, als dass dieser Staat gerade in Sowjetzeiten die Bevölkerung oft brutal unterdrückt hat. Um so mehr ist es zu begrüßen, dass in letzter Zeit immer mehr junge und gebildete Russen in den großen Städten zunehmend mehr demokratische Mitbestimmung und Teilhabe sowie faire Wahlen vom Regime Putin und seinen Anhängern einfordern. Kritische Bürgerrechtler lassen sich immer schwerer mundtot machen. Ob dies die bestehenden Verhältnisse in Richtung mehr Demokratie aber ändern kann? Fraglich. Die demokratische Tradition ist kaum entwickelt.

Der Polizei- und Repressionsapparat scheint zu mächtig zu sein. Trotz allem wird es in der internationalen Politik für den Westen, vor allem für Deutschland, wichtig sein, Russland freundschaftlich auf Augenhöhe zu begegnen und es diplomatisch miteinzubinden, um Konflikte zu lösen und den Frieden in Europa zu bewahren.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2FMTp7g