Leserbrief

Türkei – die Vorgeschichte fehlt

Zum Artikel „Türkei – zwei Sichtweisen“ vom 25. Januar:

Beide Darstellungen befassen sich ausschließlich mit dem aktuellen Vorgehen der türkischen Streitkräfte gegen die Kurden in Nordsyrien. Der große Zusammenhang, in dem dieses Vorgehen steht, bleibt unerwähnt. Nur er aber erlaubt die richtige Einordnung.

Im Grunde geht es um die Situation der Kurden in der Türkei. Ihre Zahl wird auf etwa 15 Millionen geschätzt (rund 20 Prozent der türkischen Bevölkerung). Hinzu kommen im Iran etwa sieben, im Irak etwa 3,5 und in Syrien etwa 0,8 Millionen. Zusammen mit den vielen Exilkurden dürfte die Gesamtzahl wohl bei rund 30 Millionen liegen. Ein großes Volk mit einer eigenen Sprache, die dem westiranischen Zweig der indoeuropäischen Sprachfamilie angehört und sich vom Persischen, Arabischen und Türkischen unterscheidet. Ein Volk, das unter europäischem Einfluss im 19. Jahrhundert eine Nationalstaatsidee entwickelte, dem aber die Eigenständigkeit durch das Zusammenspiel von westlicher Kolonialpolitik und türkischem Nationalismus verweigert wurde.

Kurden wollen Rechte

In der Türkei wurden seit Atatürks Revolution um 1920, welche ethnische Unterschiede unter den zahlreichen Völkern des Landes nicht zulassen wollte, die Kurden lange Zeit als „Bergtürken“ bezeichnet und heftigem Assimilierungsdruck ausgesetzt. Viele arrangierten sich und lebten mit ihren türkischen Nachbarn friedlich zusammen. Andere wollten ihre Kultur nicht aufgeben. Einige beteiligten sich schon früh und immer wieder an Aufständen. 1978 wurde die „Arbeiterpartei Kurdistans PKK“ gegründet. Ihr Hauptziel war die nationale Befreiung.

Von Anfang an scheute sie die Anwendung von Gewalt nicht. Bald wurde sie zur stärksten (wenn auch nicht einzigen) oppositionellen Kraft, zu einer Terrororganisation. Ihr Anführer Öcalan wurde 1999 in Kenia aufgespürt und in der Türkei vor Gericht gestellt. In den Folgejahren wurden den Kurden eine Reihe von kleineren kulturellen Zugeständnissen gemacht. Zwischen der türkischen Regierung und Öcalan entstanden und intensivierten sich vielversprechende Kontakte.

Öcalan forderte seine Anhänger aus dem Gefängnis heraus mehrmals auf, den bewaffneten Kampf einzustellen. Die Entwicklung kulminierte schließlich 2013 in Friedensverhandlungen. Die Kurden wollten kulturelle Rechte als ethnische Minderheit und einen politischen Sonderstatus innerhalb der Türkei. Auf staatliche Unabhängigkeit wollten sie verzichten.

Am 28. Februar 2015 unterzeichneten Vertreter der türkischen Regierung und der kurdenfreundlichen Demokratischen Partei der Völker (HDP) im Dolmabahce-Palast einen Fahrplan zur endgültigen Beendigung des Konflikts. Zwei Wochen später erklärte Erdogan die Vereinbarung als nichtig. Es folgten eine türkische Großoffensive und bald auch die Antwort der PKK. Manfred K. Nagler, Mannheim

Es ist für mich erschreckend, was im „MM“ als „Sichtweise“ über den Krieg der Türkei gegen Syrien in der Region Rojava bezeichnet wird. Ungeniert kann der junge „MM“-Redakteur Hasan Kadioglu ganz unverfroren einen völkerrechtswidrigen Krieg begrüßen. Die Sichtweise von Kadioglu ist eine Ansammlung von dreisten Behauptungen. In dem Gebiet, das nun von der türkischen Armee mit Bomben – auch Napalm – belegt wird und mit Hilfe dschihadistischer Milizionäre, die dem IS und Al Kaida nahestehen, besetzt werden soll, lebten die Menschen auch während des Bürgerkrieges in Syrien, entgegen der „Sichtweise“ Kadioglus, friedlich zusammen.

Im März 2016 rief eine Versammlung von kurdischen, assyrischen, arabischen und turkmenischen Delegierten eine autonome Föderation Nordsyrien – Rojava aus, um die Versorgung der Bevölkerung zu organisieren und sicherzustellen. Im Gegensatz zur Situation in der Türkei, die auf dem Wege in eine islamistische Diktatur ist, haben sich die verschiedenen Ethnien, mit unterschiedlicher kultureller und religiöser Tradition, auf eine basisorientierte, demokratische Struktur der Verwaltung verständigt. In einem Gesellschaftsvertrag wurden die Gleichberechtigung von Frauen, Religionsfreiheit und das Verbot der Todesstrafe festgelegt. Der Vergleich der Selbstverteidigungsgruppen in Rojava mit den afghanischen Taliban ist absurd.

Es gibt die Bestrebung, den Status einer autonomen Region innerhalb Syriens zu erhalten. Dass keine Loslösung vom syrischen Zentralstaat angestrebt wird, wird auch dadurch deutlich, dass von der autonomen Region Rojava, militärische Unterstützung aus Damaskus angefordert wurde, gegen die türkische Aggression. Dass die türkische Regierung mit ethnischen Minderheiten nicht zimperlich umgeht, hat sich seit dem Völkermord an den Armeniern kurz nach Staatsgründung 1915 nicht geändert. Die Unterdrückung der kulturellen Selbstständigkeit der kurdischen Bevölkerungsmehrheit in der Osttürkei brachte die PKK als Befreiungsbewegung hervor. Deswegen ist die Türkei seit Jahrzehnten Schauplatz eines Bürgerkrieges. Sämtliche Bestrebungen nach Autonomie für die kurdischen Provinzen wurden und werden durch die türkische Regierung rigoros unterbunden.

Im Kampf gegen die autonome Verwaltung und gegen die Befreiungsbewegung hat die türkische Armee demokratisch gewählte regionale und kommunale Regierungen zerschlagen, deren Vertreter verhaftet, systematisch ganze Landstriche entvölkert, Dörfer niedergebrannt, jahrhundertealte Stadtkerne zerstört um eine „genetische Säuberung“ im kurdischen Gebiet in der Türkei durchzusetzen. Extralegale Hinrichtungen wurden durchgeführt, zehntausende Menschen entführt, gefoltert und Tausende auch barbarisch ermordet.

Dieser Terror der türkischen Regierungen, der sich unter der Regierung Erdogans verschärft hat, wird jetzt in Syrien fortgesetzt und das mit Waffen aus Deutschland. Die eigentliche Gefahr für den Machthaber in Ankara, aber auch Moskau und Washington besteht darin, dass sich auch in anderen Regionen die Menschen, wie in Rojava, gegen Unterdrücker zusammenschließen und autoritäre, undemokratische Strukturen beseitigen. Johanna Hauber, Mannheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2FvOVQz