Leserbrief

Verallgemeinernd, grob und herablassend – oder gut?

Zum Artikel „Für wen ist Bach noch wichtig?“ vom 7. November:

Georg Spindlers Artikel über den angeblichen Verlust der Kultur in unserer Gesellschaft zu lesen, war für mich als vielseitig interessierte Person und Teil der von ihm definierten Gruppe der „Deutschen unter 30“ fast wie ein Schlag ins Gesicht. Nur weil er die Worte „eine Polemik“ ans Ende seines Titels setzte, machte es seine „Analyse“ nicht weniger grob verallgemeinernd, einseitig und herablassend.

Mich würde das Alter des Autors interessieren und ob er sich jemals das Angebot von Netflix genauer angeschaut hat. Dann müsste ihm nämlich aufgefallen sein, dass sich dort eine neue Generation der Kulturschaffenden auf mutige Art und Weise mit Themen wie Feminismus, Rassismus, LGBTQ+-Rechten und Klimaschutz auseinandersetzt, die man im öffentlich rechtlichen Fernsehen und vielen Theatern vermissen kann. Er hätte auch gesehen, dass diese Inhalte auf Netflix meist in den Top-Charts zu finden sind.

Weniger Wagner, mehr Thunberg

Das spricht wohl dafür, dass die Generation u-30 sich über mehr Gedanken macht, als die Texte von Apache und das neueste Tik-Tok-Video. Und dass unsere Kultur eben nicht auf Entertainment reduziert ist. Bei den ausgewählten Werken und Stücken von Spindler, die er als kulturell wertvoll abgrenzt, fällt auf, dass die meisten noch immer die gleichen sind, die überwiegend von weißen Männern geschrieben und später auch von solchen auf die Lehrpläne gesetzt wurden. Und ja, man sollte sie definitiv gelesen haben. Aber es zeigt den Konflikt zwischen der Mentalität von Spindler und vielen anderen, für die Diversifizierung etwas Negatives ist, und der Mentalität, die sich in der heutigen Musikwelt, Film und Social Media widerspiegelt.

Deshalb ist es wohl auch kein Wunder, dass Jugendliche, die sich einem kollabierenden Planeten und steigendem Populismus gegenübersehen, nicht unbedingt so für Wagners Ring interessieren, wie für Greta Thunbergs Rede bei der UN oder eine Netflix-Serie, in der ein homosexueller Schwarzer gegen den Rassismus an seiner Universität kämpft. Wer definiert, dass Kultur bei Jelinek und Rilke endet? Bereits die Generation meiner Eltern sah sich doch mit ihrer Liebe zur Musik von Pink Floyd, Queen und Co. dem damaligen „Bildungsbürgertum“ gegenüber, das dies verunglimpfte und Klassik lobte. Junge Menschen unter 30 sind es übrigens auch, die über Plattformen wie Patreon Künstler*innen während der Coronakrise schon lange und deutlich effektiver als mit großen Reden unterstützen.

Weitab von der Lebensrealität

Das Fazit: Ja, die Mehrheit von uns hört vermutlich nicht mehr Bach oder diskutiert nach der Oberstufe noch länger (!) über Faust oder Brecht. Das liegt daran, dass in unseren Lesekreisen und Gesprächen neue Bücher, Serien und Alben besprochen werden, die sich mit den unbequemen Teilen unserer „Kultur“ wie Rassismus, Homophobie und Ressourcenverschwendung auseinandersetzen. Themen, die bei einem Theaterbesuch und der vierzigsten Version von Mozarts Zauberflöte der „kulturinteressierten Minderheit, die gerne unter ihresgleichen ist“, oft weitab der privilegierten Lebensrealität liegen und gar nicht zur Sprache kommen. (von Lena Poths, Waldsee)

Der Artikel von Georg Spindler war einer besten kulturellen Beiträge, die ich in der letzten Zeit im „MM“ gelesen habe. Der Mann hat es auf den Punkt gebracht: „Die Kultur ist reduziert auf Entertainment!“ Mir graut vor der Entwicklung, vielleicht werden eines Tages Algorithmen Massenmusik produzieren und Roboter Konzerte mit Pop-Schrott geben; alles andere wird nämlich verschwunden sein. (von Freddie Münster, Mannheim)

Info: Originalartikel