Leserbrief

Zum Beitrag „Ab Samstag gilt die Testpflicht“

Vernünftige Datenlage zur Bewertung der Corona-Krise nötig

Zum Artikel „Ab Samstag gilt die Testpflicht“ vom 7. August:

Derzeit wird seitens des Robert Koch Instituts (RKI) kolportiert, dass die Reproduktionszahl wieder steigt. Politiker sprechen vor diesem Hintergrund von einer zweiten Corona-Welle und Rufe nach verschärften Maßnahmen werden immer lauter.

Hierzu muss bemerkt werden, dass seitens des RKI Anfang Mai 2020 die Testrichtlinien geändert wurden – seit diesem Zeitpunkt werden Personen mit respiratorischen Symptomen jeder Schwere getestet, und zwar unabhängig davon, ob es irgendwelche zusätzlichen Risikofaktoren gibt. Zudem wird inzwischen auch zunehmend völlig unabhängig von Symptomen getestet; so lässt beispielsweise Schleswig-Holstein die Belegschaften aller großen Schlachtbetriebe testen, für Urlaubsrückkehrer aus Risikogebieten besteht eine Testpflicht etc.

So lag die Anzahl der in Deutschland durchgeführten Labortests in der Kalenderwoche (KW) 10 laut Statista bei 124 716 Tests, in der KW 20 wurden bereits 432 666 Tests durchgeführt und in der KW 30 sind wir bei 569 868 Tests. Durch die signifikante Ausweitung der Tests werden natürlich deutlich mehr Infektionen entdeckt. Deswegen haben sich aber nicht mehr Personen als vorher angesteckt, sondern die erhöhte absolute Anzahl an gefundenen Infektionen spiegelt nur die Ausweitung der Tests wider.

Aus statistischer Sicht ist es geradezu ein Skandal, dass in der Reproduktionszahl R die Anzahl der Tests nicht berücksichtigt wird! Nur, wenn diese Zahl eingerechnet würde, könnte man eine verlässliche Aussage darüber treffen, ob und in welchem Maße die Zahl der Infektionen wirklich steigt.

Außerdem wäre es mehr als sinnvoll, endlich eine repräsentative Studie über die bundesdeutsche Wohnbevölkerung durchzuführen, unter anderem auch, um Klarheit über die Dunkelziffer zu erlangen. So hat sich beispielsweise in einer repräsentativen Studie in Italien unter 64 660 zufällig ausgewählten Probanden herausgestellt, dass rund 2,5 Prozent Antikörper entwickelt haben. Bei einer Bevölkerung von 60 Millionen entspricht das rund 1,5 Millionen Personen, die sich mit Corona infiziert haben. Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten lag am 11. August bei 250 825. Das heißt, die Dunkelziffer ist in Italien rund sechsmal so hoch.

Nur auf Basis einer vernünftigen Datenlage lässt sich die Corona-Krise bewerten und managen! Es wäre schön, wenn sich unsere Politiker einmal darum kümmern würden, anstatt sich täglich mit neuen Horrorszenarien in der Öffentlichkeit zu profilieren.

Jüren Eisele, Mannheim

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/33Sdmab

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