Leserbrief

Vernunft gegen Schubladen

Wann gehöre ich zur Gesellschaft in Deutschland dazu, und wann wird es schwer, aufgenommen zu werden? Ob ich einen deutschen Pass besitze, sieht man nicht. Spreche ich die Sprache, sieht es schon besser aus. Mein Aussehen, meine Hautfarbe, bin ich Frau oder Mann, groß, klein, dick, dünn, jung, alt. . . Wir sortieren, machen „unsere Schubladen“ auf und ordnen zu. Oder sind wir vernunftgesteuert und brauchen die Schablonen nicht mehr, weil ein Mensch vor uns steht?! Das Zweite wäre ein aufgeklärtes – christliches – Denken! Bleiben wir aber im „Einsortieren gefangen“, schaffen wir bewusst oder nicht bewusst Minderheiten.

Wie sieht Minderheit aus? Ich glaube fest, dass uns das egal ist – Hauptsache, ich gehöre nicht zu dieser Minderheit. In diesen Mehrheitsgesellschaften haben dann echte Kontraste im Denken oder Aussehen geringe Chancen. Und wenn, werden diese Kontraste als Beweis für Toleranz vorgezeigt. Das ist ein Phänomen (Duden: Naturerscheinung), das weltweit so funktioniert.

Grundgesetz als Schlüssel

Nun kommt nur noch die Vernunft als Gegenpol ins Spiel. Wir müssen als Vernunftwesen aus der schützende „Masse“ heraustreten, unsere eigene Meinung sagen und vertreten. Ganz wenige im öffentlichen Leben sagen: „Ich will.“ Geläufig ist aber: „Unsere Gruppe, die Stadt, die Region wollen.“ Wenn es verbal wuchtig wirken soll, kommt als letzte „Rechtfertigung“ sogar das Volk ins verräterische Spiel. Nur der Ordnungsbegriff „Volk“ kann mit der Vernunft meist wenig anfangen. Der Einzelne, das Individuum, kommt im Begriff „Volk“ nicht mehr vor. Somit ist die persönliche Verantwortung ausgelagert – scheinbar.

Seit dem 23.05.1949, also seit bald 70 Jahren, hat unser Grundgesetz Gültigkeit. Die ganz große Mehrheit der Bevölkerung ist in diese Zeit hineingeboren. Mit diesem Gesetz wird unser Zusammenleben geregelt, mit diesem Grundgesetz haben wir den Schlüssel in der Hand als „Humanwesen“ in diese unsere Gesellschaft hineinzuwirken.

Wolfgang Heissler, Mannheim