Leserbrief

Verständnis des Umfelds wichtig

Zum Debattenbeitrag „Grenzt unsere Gesellschaft Menschen mit psychischen Erkrankungen aus, Frau Kuhlmann?“ vom 22. September:

Die Vorurteile und abschätzigen Bemerkungen, die nach Frau Kühlmann auch heute noch Menschen mit psychischen Leiden und Beschwerden entgegengebracht wird, kann ich als langjähriger Freund und Bekannter einer selbst von psychischen Beschwerden betroffenen Frau voll bestätigen.

Zum Glück hatte sie verständnisvolle Eltern, die ihr über viele Jahre eine wichtige Stütze waren. Aus meiner Sicht ist heute forschungsmäßig eindeutig erwiesen, dass zum Beispiel Vererbung und Stoffwechselstörungen im Gehirn solche Leiden wie Ängste, Panikattacken, Zwanghaftigkeit und Depressionen hervorrufen und Betroffene oft ein Leben lang vor Herausforderungen stellen. Nicht nur, dass solche Leiden die Teilhabe am sozialen Leben für die Betroffenen erschweren, sondern auch die Probleme bei der beruflichen Reintegration, wenn man aufgrund seelischer Probleme die Arbeit verloren hat, sind zu beachten. Besonders schwerwiegende Fälle, bei denen Leute mit schweren Depressionen oder Psychosen überhaupt nicht mehr in ein normales Erwerbsleben zurückfinden können, gibt es dabei auch.

Selbstwertgefühl aufbauen

Glück haben dann diejenigen, die dann von einer Erwerbsminderungsrente einigermaßen leben können. Solche Leute dann als Simulanten, Faulpelze oder Schwachsinnige abzuwerten, zeugt ja dann nur von Boshaftigkeit oder einfach fachlicher Unkenntnis. Und seelische Beschwerden haben mitnichten etwas mit geistiger Störung zu tun, wie manch „bösartige Deppen“ heute immer noch glauben. Gerade seelisch beeinträchtige Menschen sind oft hochintelligente Menschen. Dabei ist doch gerade das Verständnis des sozialen Umfeldes neben der therapeutisch richtigen Behandlungsmethode enorm wichtig dafür, dass diese Menschen wieder eine Art Selbstwertgefühl aufbauen können.

Die Therapeutin Lena Kuhlmann weist meines Erachtens zurecht darauf hin, dass die Arbeitswelt umdenken muss und Angestellte nicht nur nach rationalen Kriterien wie Erfolg und Leistung bewerten darf, wenn sie nicht für psychische Krankheiten anfällige Menschen dauerhaft von der Teilhabe am Erwerbsleben ausschließen will.

Burnout als Symptom

Man denke dabei nur an die vielen Fälle von Burnout betroffenen Menschen, die beruflich aussetzen müssen. Das ist für mich auch eine Art psychischer Erkrankung. Offenbar tun dies zum Glück immer mehr Firmen und berufliche Rehabilitationseinrichtungen. Umgekehrt haben natürlich auch Betroffene die Verpflichtung, nur solche beruflichen Tätigkeitsfelder anzustreben, die mit ihren psychischen Einschränkungen zu leisten sind, was aber nicht einfach ist. Man kann für die Zukunft nur hoffen, dass Aufklärungskampagnen über die Medien und an Schulen, wie sie Frau Kuhlmann anmahnt, dazu beitragen, die Gesellschaft immer mehr dafür zu sensibilisieren, wie ernsthaft solche Erkrankungen sind.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2zw4LKH