Leserbrief

Viel Altbekanntes in Essay gefunden

Zum Gastbeitrag „Wir sollten uns das Unvorstellbare vorstellen“ vom 21.2.:

„Das Unvorstellbare“ bedarf einer ausgeprägten Fantasie eines jeden Individuums. Abgesehen von Naturkatastrophen, die kein Menschenwerk sind, geben sich die Menschen weltweit große Mühe, „das Unvorstellbare“ möglich zu machen! Ich denke dabei an deutsche Politiker, welche den „Clash Of Civilizations“ durch offene Grenzen beschleunigen helfen. Ich denke auch an TV-Programme, welche Menschen das Gefühl vermitteln sollen, dass der „Tatort“ Teil ihres Alltags ist. Umweltsünden, welche die Existenz der Erde in Frage stellen – „Made by“ bald sieben Milliarden Menschen. Kriegsgelüste aller, mit den Kampfstiefeln scharrenden, gut ausgebildeten Soldatenheerscharen auf fünf Kontinenten. Motive der Menschen, die sie verführen: Gier, Habsucht, Hass, Neid und das Streben nach Glück um jeden Preis zu befriedigen.

Deutsches Angst-Gen?

Frau Gaschke zitiert in ihrem Beitrag verschiedene Autoren aus anderen Ländern, welche dem Genre „Fantasieliteratur und Zukunftsromanen“ frönen und damit beim Leser Unruhe auslösen. Ihr und allen Mitmenschen sei in unseren unsicheren Zeiten der Ausspruch von David Hume ein Trost, welcher sagte: „The life of man is of no greater importance to the universe than that of an oyster!“ (Das Leben eines Menschen ist für das Universum nicht wichtiger als das einer Auster.) Vielleicht aber leidet Frau Gaschke – bedingt durch ein vererbtes deutsches Angst-Gen – unter dem fehlenden Bezug zu der wichtigen Tatsache, dass „Du ein Nichts im Ganzen bist, wenn Du ihm nicht dienst!“ Ein solches Verhalten relativiert die Furcht vor der Zukunft. Es verhindert jedoch das Unvorstellbare nicht! (Dieter H. Sommer, Bensheim)

Beim Lesen des Prologs des Essays öffnete sich in mir ein Fenster mit Blick in meine eigene Vergangenheit, die ich, Jahrgang 1916, zusammen mit der als Oma zitierten Protagonistin analog miterlebte.

Der Krieg war beendet, der Schwarzmarkt blühte. Dank der „Zigarettenwährung“ von sechs Reichsmark pro Stück konnte man die karge Hungerration der Lebensmittelkarte von täglich 800 Kalorien, einschließlich 50 Gramm Fleisch mit Knochen, erhöhen, wenn man noch über Tauschobjekte verfügte und nicht vor seiner zerbombten Wohnung stand. Die Läden waren leer, es gab kaum etwas zu kaufen. Darum wurde alles noch Verwertbare gehortet, krumme Nägel versucht gerade zu biegen und jeder war bemüht, mit dem Vorhandenen sparsamst auszukommen.

Diese Vorratswirtschaft hat sich tief in die Seelen unserer Generation eingebrannt und führt bei mir heute noch dazu, nichts fortwerfen zu können, was vielleicht doch noch einmal nützlich sein könnte. Lebensmittel in den Müll – ein Sakrileg bis heute. Bis zur Währungsreform lebten wir täglich mit unstillbarem Hunger. Die heutige Wegwerfgesellschaft – „Ex und Hopp“ – kann sich schwer in die damaligen Lebensumstände hineindenken, und man sollte vermeiden, mit Vergleichen von „damals“ und „heute“ zu versuchen, Geschichten aus der Vergangenheit zu erklären. Statt sich an Wenigem zu erfreuen und es zu genießen, regiert heutzutage der Konsum. (Johannes Pickenpack, Hardheim-Gerichtstetten)

„Den Abstand zwischen Brett und Kopf nennt man geistigen Horizont.“ (Unbekannt). Heute heißen die Bretter Smartphone, Facebook, Twitter und Co. In dem vorliegenden Essay von Frau Gaschke habe ich sehr viel Altbekanntes gefunden. Auch ich habe eine Sammlung von Weckgläsern samt Ringen im Keller, die mich an meine Großmutter, Mutter, Schwiegermutter erinnern. Und man kann ja nie wissen!

Einkochen zum Überleben

In den ersten Hungerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg sterilisierten Oma und Mutti Gemüse und Obst aus dem großen Hausgarten in Bierflaschen ein. (Wir hatten eine kleine Gastwirtschaft in Ladenburg.) Wenn es nachts für zwei Stunden Kochgas gab, wurde alles durch den Fleischwolf gedreht, sonst wäre ein Einkochen nicht möglich gewesen. Denn auch die Kohlen waren rationiert und wurden vor allem für das Heizen gebraucht. Anschließend wurden die Flaschen in Stroh verpackt und per Bahn zu den Großeltern nach Duisburg geschickt. Im Ruhrgebiet waren das Schätze.

Die hauseigenen „Weckgläser“ waren fürs Hergeben zu kostbar. Im Gegenzug schickte Opa ein paar zusätzliche Brotmarken – er hatte eine Bäckerei – und auch mal ein Säcklein Mehl mit einem Onkel mit, der per Lkw Kohlen ins frierende Süddeutschland brachte. Ein einziger Krieg genügte für das Chaos. Zur Schwiegermutter: Die war eine Bauersfrau aus Südmähren, also ein Flüchtling, verlebte ihre letzten Jahre in Norddeutschland in einem winzigen Dorf. Sie kochte wie gewohnt alles ein – Fleisch, Kartoffeln, Gemüse, Obst. Zum mehr oder minder leisen Spott ihrer bäuerlichen Nachbarinnen, die stolz auf ihre großen Gefriertruhen verwiesen.

Dann kam plötzlich die Schnee-Katastrophe in den 1970er Jahren. Tagelang war schlagartig alles so eingeschneit, dass erst nach Tagen Bergepanzer der Bundeswehr zu den Menschen durchkamen. Auch die Stromversorgung war bereits am ersten Tag zusammengebrochen und nach drei Tagen stank der Inhalt der Gefriertruhen und Kühlschränke. Meine Schwiegermutter hatte mir später erzählt – auch sie hatte immer eingeweckt „wie für eine Armee“ –, dass sie mit ihren Vorräten die Nachbarn versorgt hatte, bis Hilfe gekommen war. Keiner hatte mehr gelacht, die Natur hatte genügt.

Noch später hatte ich in einem Buch von Gernot Lorsong eine Notiz aus einer alten Ladenburger Urkunde gefunden, die besagte, „dass die Sternwirts-Familie im 30-jährigen Krieg mehrfach auf den Feldern Gras und Unkraut habe sammeln müssen, um nicht zu verhungern“.

Heute koche ich – außer Obst und Marmelade – auch nichts mehr ein, meine Kräuter trockne ich. Ansonsten verlasse auch ich mich auf meine Gefriertruhe. Nur, was könnte ich tun, wenn die Infrastruktur der Zivilisation (Gas, Wasser, Strom) zusammenbräche? Gras und Unkraut sammeln? Zumindest wüsste ich noch, was und wie man es macht (solange es nicht atomar verstrahlt wäre). Ich schreibe außerdem alle alten Rezepte auf, die ich noch kenne. Um sich „Unvorstellbares“ vorzustellen, benötigen wir weder einen Meteor, noch ein Kernkraftwerk, noch einen Eifelvulkan – das halten die Leute eh für Science Fiction.

Es würde genügen, sich vorzustellen, was der Mensch bereits kann und, zu seinem Unglück, aus Gier bereit ist zu tun: in den Bereichen Technik, Medizin, Ernährung, Umwelt. Und sich die von uns gerissenen Löcher im Netz der Natur (das uns trägt) bewusst zu machen. Was wir aus Bequemlichkeit lieber unterlassen. Wer das nämlich laut tut, gilt als Schwarzseher und erfährt mehr oder minder leisen Spott. „Den leeren Schlauch bläst der Wind auf, den leeren Kopf der Dünkel“ (Matthias Claudius). Das kann man sich vorstellen. (Christel Chowanetz-Dillmann, Hockenheim)

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2owMBT2