Leserbrief

Vielfalt geht verloren

Zum Debattenbeitrag "Sind Kinder heute ein Wettbewerbsnachteil, Frau Sembach und Frau Garsoffky?" vom 7. Oktober:

Ich habe großen Respekt vor allen Frauen, die sich immer wieder und unermüdlich um die Familiensituation in Deutschland kümmern und versuchen, die Gesellschaft wachzurütteln. Daher habe ich mich über den Artikel in Ihrer Zeitung von Frau Sembach und Frau Garsoffky sehr gefreut. Den Inhalt dieses Berichtes kann ich nicht nur bestätigen, sondern ich möchte ihn noch ergänzen. Denn neben dem ständig steigenden Druck, den Frauen erfahren (um den es in dem Artikel hauptsächlich geht), gibt es noch eine weitere Gruppe, die leidet.

Und das sind die Kinder selbst. Ich möchte gar nicht erst davon anfangen, über fehlende Nestwärme und Entwicklung von Empathie und Urvertrauen zu schreiben - hier wäre es schön, wenn sich Psychologen mehr einbringen würden. Aber eine andere Entwicklung macht mir Sorge: und das ist eine fortschreitende Gleichmacherei unter den Kindern. Und in dem Moment, in dem ich den Artikel lese, frage ich mich, ob die Weichenstellungen dafür nicht schon in der gut gemeinten Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestellt werden. Wie werden so viele fremdbetreute Kleinst-, Kleinkinder und Schulkinder betreut? Und ich meine hier nicht organisatorisch, sondern ich meine inhaltlich! Hier wird es sicherlich Erziehungskonzepte geben, Richtlinien, Vorgehensweisen, Normen, Ernährungspläne. Und zwar für alle die gleichen. Zu den gleichen Zeiten, in den gleichen Räumlichkeiten, mit den gleichen Medien und Methoden - für so viele unterschiedliche Kinder.

Druck auf Familien

Ich beobachte sehr oft, dass Kinder alle das gleiche denken (wollen), gleich fühlen (wollen), die gleiche Kleidung tragen, die gleichen Frisuren haben. Ich habe den Eindruck, es gibt nichts Schlimmeres als anders zu sein, eine andere Meinung zu haben oder einen anderen Geschmack zu haben.

Dies wiederum erhöht den Druck auf Familien, Wünsche und Ansprüche der Kinder erfüllen zu müssen und erhöht gleichzeitig die Angst, das eigene Kind könnte nicht die "Norm" erfüllen oder nicht in das allgemeine Bild passen. In meiner Kindheit haben wir alle für Individualität gekämpft. Hauptsache man war nicht angepasst. Davon ist so gut wie nichts mehr zu spüren.

Ist es aber nicht so, dass uns in der Evolution vor allem eins weiter gebracht hat: Vielfalt? Ich habe den Eindruck, dass diese bei unseren Kindern verloren geht. Diese Entwicklung ist eine Nebenwirkung unserer Familienpolitik. Sie umwirbt Vielfalt in der Gesellschaft und betreibt Gleichmacherei bei dem Nachwuchs. So werden unsere Kinder nicht mehr nur allein ein Wettbewerbsnachteil für Frauen, sondern sogar ein Wettbewerbsnachteil für die gesamte deutsche Wirtschaft.