Leserbrief

Von der Realität weit entfernt

Zum Artikel „Was muss sich in unserem Umgang mit psychisch Kranken ändern, Herr Lütz?"vom 19. September:

Ich kann mir kein Urteil über das Alexianer-Krankenhaus in Köln-Porz erlauben, da ich diese Fachklinik für Psychiatrie nicht kenne . . . Was ich aber mit Sicherheit sagen kann ist, dass es in vielen anderen Kliniken für Psychiatrie nicht so optimal läuft, wie in dem Artikel von Herrn Lütz beschrieben. Dass viele Menschen über seelische Erkrankungen Vorurteile haben, ist unumstritten, aber dass die Psychiatrie zur erfolgreichsten medizinischen Disziplin der vergangenen Jahrzehnte gehören soll, wage ich jedoch aus eigener Erfahrung sehr zu bezweifeln.

Fakt ist: Sucht jemand Hilfe bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten, kommt er erst einmal auf eine lange Warteliste. Hat diese Person suizidale Gedanken, ist die zuständige Psychiatrie zwar verpflichtet, den Patienten sofort aufzunehmen, aber dann zunächst in die geschlossene Abteilung.

Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass diejenigen, die noch einigermaßen bei klarem Verstand sind, mit allen Mitteln versuchen, so schnell wie möglich auf eine offene Station verlegt zu werden. Das ist allerdings alles andere als einfach. Meistens fehlt es an Kapazitäten auf den anderen Stationen. Die Aussage der durchschnittlichen Liegezeit von unter drei Wochen ist meiner Meinung nach mehr als unrealistisch. Der durchschnittliche Aufenthalt in der Psychiatrie beträgt zwei bis drei Monate. Ich behaupte auch, dass viele geschlossene Stationen zwar zum Schutz für den Patienten und deren Familie dienen (gerade bei suizidalen Gedanken), mehr aber auch nicht. Ich höre schon viele Stimmen, die sagen: „Das ist ja schließlich auch kein Hotel.“ Da bin ich absolut der gleichen Meinung.

Fakt ist auch, dass viele Menschen gezwungen sind, sich monate- beziehungsweise jahrelang mit einer schweren Depression und anderen schweren seelischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Dissoziation zu quälen, weil sie durch zusätzliche somatische Erkrankungsbilder durch ein medizinisches Raster fallen! Das ist unsere aktuelle Realität, sehr geehrter Herr Lütz. Meiner Meinung nach weit entfernt von der Ihren! (von Barbara Gramlich, Ilvesheim)

Seelisch zu erkranken, ist für viele mit großer Angst und Unsicherheit behaftet. Vieles liegt da im Unbekannten, bedarf einer besseren Aufklärung auch seitens der Einrichtungen, die sich um diese Menschen kümmern. Schon das Wort Psychiatrie beinhaltet für den Normalbürger viel Rätselhaftes. Unklarheiten erzeugen so Missverständnisse.

Inwieweit kann die Seele überhaupt krank sein? Und was versteht man überhaupt unter Seele? Wahnsinn und Normalität liegt oft dicht beieinander. Und viele werden auch deshalb krank beziehungsweise ihre Seele tritt in Streik, weil ihnen das, was man ihnen da so als Normalität angeboten wird, sie stark überfordert. Sie in ihrer Not dann in eine andere Welt flüchten, für diese bisherige Normalität nicht mehr erreichbar sind. (von Manfred Fischer, Mannheim)

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/3iYaTQ8