Leserbrief

Was die Leser über den „Debatte“-Beitrag von Andrea Römmele denken

Zur Debatte „Warum brauchen wir eine neue Streitkultur, Frau Römmele?“ vom 16. Februar:

Ein ausgewogener Debattenbeitrag, der sensibilisiert, worauf es in einer Gesellschaft ankommt; nämlich die Bereitschaft, seine eigenen Ansichten nicht zu einem Dogma zu stilisieren, den Gegenüber nicht zu ignorieren oder, schlimmer noch, zu verachten, sondern zu respektieren. Oft heißt es, das ist die Wahrheit. Doch es gibt nicht bloß eine Wahrheit, wenn es um Lösungen im Interesse von Gruppen geht.

Lediglich in naturwissenschaftlichen Bereichen gibt es Ausnahmen; sie liegen außerhalb dieser Norm. Gerade die vielfältigen Meinungen, der Streit in der Sache, bilden das ab, was zum jeweiligen Zeitpunkt eine optimale Lösung ausmacht. Menschen, die sich eingebunden fühlen, müssen nicht zu Protestlern mutieren. Sie sind in sich gefestigt und bereit, sich dem offenen Diskurs zu stellen. Es wird versäumt, die Steuerbürgern, die Wähler, die Mitglieder der demokratischen Gesellschaft, einzubinden und den diskussionswürdigen Charakter, wie Römmele formuliert, hervorzuheben.

Wenn wir dies außer acht lassen, uns lähmen lassen durch „angeblich“ langweilige „Streitereien“, werden die Populisten das Zepter Stück für Stück an sich reißen. Streit der Sache wegen ist der einzige und vernünftigste Weg, in einem Rechtsstaat Demokratie zu leben. Er stärkt den Charakter der Gesellschaft und minimiert künftige Konflikte. Natürlich, wer mit einer vorgefassten Meinung in die Diskussionsrunden steigt, scheut eine Auseinandersetzung deshalb, weil er Angst hat, sein Gesicht zu verlieren. Er erkennt oder will nicht erkennen – Scheuklappen stehen häufig im Wege –, dass es eine notwendige Organisation ist, die nur Gewinner kennt.

Unseren Gegenüber ernst nehmen – das ist die wichtigste Voraussetzung, um auf Augenhöhe Meinungen auszutauschen und sich auf eine gemeinsame Lösung für möglichst viele zu einigen. Andrea Römmele betont dies zu Recht – jedoch brauchen wir auch im öffentlichen Leben Vorbilder für diese Streitkultur. In vielen Talkshows packt jedoch jeder sein (rotes, grünes, schwarzes etc.) Argumenteköfferchen auf den Tisch, präsentiert es – und packt es unbesehen wieder ein. „Meine Meinung steht fest, bitte verwirren Sie mich nicht mit neuen Informationen oder gar Tatsachen.“

Ich wünsche mir respektvolle öffentliche Diskussionen, die auf unseren Alltag abfärben können; einfach, weil wir sehen, wie gut es tut, sich in der Sache leidenschaftlich zu streiten. Dabei darf jeder Andersdenkende sein Gesicht wahren, sein Standpunkt wird auf Augenhöhe akzeptiert – und hinterfragt. Verzicht auf Beleidigungen, Verhöhnung, Angriff. Stattdessen können wir als demokratische Gesellschaft neue, positive Frames definieren, sprich gemeinsame Grund-Werte – und diese als Basis unserer Streitgespräche nutzen.

Die Kognitions- und Sprachforscherin Elisabeth Wehling beschreibt den gesellschaftlichen „Deutungsrahmen“ (wissenschaftlich: Frame) als „den Zusammenhang mit dem Weltwissen“ einer Idee oder eines Worts. Indem wir auch in der Presse ständig lesen, was einzelne Stimmen alles nicht wollen, und worum es nicht gehen kann, wiederholen und verfestigen wir diese Un-Sitte und blockieren unser Denken.

Lassen Sie uns stattdessen miteinander eine neue Wertekultur etablieren, die fast verlorengegangene Umgangsformen und die Toleranz für Andersdenkende einschließt!

Dr. Petra Heinemann, Mannheim

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/2StEIKm