Leserbrief

Was ist ein Testat wert?

Zum Artikel „Wirecard – Absturz alarmiert die EU“ vom 27. Juni:

Im Rahmen der Berichterstattung über den Bilanzskandal der Wirecard AG geraten auch die Bilanzprüfer in die Kritik. Sie haben die Jahresabschlüsse des Konzerns testiert und in den vergangenen Jahren keine Hinweise auf Manipulationen entdeckt. Es stellt sich wieder einmal die Frage, was der „Bestätigungsvermerk des unabhängigen Abschlussprüfers“ (Testat) eigentlich wert ist.

Ich selbst war 40 Jahre im Bereich Bilanzierung/Rechnungslegung tätig und habe die Entwicklung der Abschlussprüfungen miterlebt. Bis zum Ende der 1990er Jahre bestanden die Prüferteams der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften (WPGs) aus erfahrenen Spezialisten. In den Folgejahren gingen die WPGs dazu über, diese Prüfer durch junge Studienabgänger zu ersetzen. Dies war teilweise dadurch bedingt, dass die Unternehmen (Mandanten) den WPGs die Prüfungskosten diktierten. Frei nach dem Motto: „Entweder Du akzeptierst diesen Preis, oder Du verlierst das Mandat!“

Überforderte Prüfer

Durch den Einsatz der Studienabgänger konnte der Personalaufwand der WPGs reduziert werden. Das Mandat war gerettet. Es leuchtet wohl ein, dass die eingesetzten jungen Studienabgänger nicht über den Erfahrungsschatz der langgedienten Prüfer verfügen konnten. Dementsprechend fielen auch die Prüfungen aus. Wenn dann vonseiten des Mandanten noch kriminelle Energie dazukommt, sind diese Prüfer hoffnungslos überfordert. Es werden Testate erteilt, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt sind. Was hier bei Wirecard passiert ist, wundert mich persönlich nicht.

Karlheinz Falkenstein, Heddesheim 

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