Leserbrief

Was Leser zum Debattentext über die Würde sagen

Zum Debattenbeitrag „Wie halten Sie es mit der Würde, Herr Hüther?“ vom 19. Mai:

Wenn uns klar wird, dass Würde eine ganz persönliche Erkenntnis ist, die aus der Eigenbetrachtung/Empfindung hervorgeht, fällt es plötzlich leichter, auch meinem Umfeld diese persönliche/eigene Würde „zuzubilligen“. Ich fange unweigerlich an, in meinem eigenen/intimen Spiegel zu schauen. Ich sehe mein Handeln! Durch diese ständige Erfahrung werde ich wacher – und siehe da –, unabhängiger und freier. Ich und nur ich kann mich dauerhaft gestalten, werde unabhängiger, habe Spaß an und mit mir.

Ich sehe mich als Handelnder und lerne auch aus der Situation heraus, mich zielsicherer zu führen. Aus den ganz normalen Rückschlägen kann ich mich erfolgreich selbst herausführen. Wenn ich mein Außen/Innen/Verhalten betrachte, komme ich dem Begriff „Würde“ näher. Es fällt auch leichter, jedem Wesen/Geschöpf Würde einzuräumen. „Seine Würde“. Sie ist verbindend, ohne zu beeinflussen. Nur – wenn ich die Würde an einer Wertigkeitsskala festnagele, ist sie nicht mehr da. (Sie wird aber meist ersetzt.)

Weil aber eine gewisse Sehnsucht nach diesem Selbstwertgefühl (Würde) in uns steckt, gibt es auch viele Wege – Umwege – Irrwege (Lernwege). Dann hilft immer wieder die freundliche stille Selbstbetrachtung. Diese Übung durchlüftet und macht das „Entwickeln“ möglich. Dabei stellt sich manchmal ein Gefühl ein: „Ich komme heim.“ Ich frage nicht mehr so kindlich: warum – woher – wieso, ich lebe, und das immer intensiver, ich bin mittendrin.

Wolfgang Heißler, Mannheim

Würdigen, anerkennen, dass wir eine soziale Gemeinschaft sind und nicht ein Haufen von Egomanen – das ist schon ein guter Anfang, um unsere Welt von morgen lebens- und liebenswert zu gestalten: Im achtsamen Miteinander sind unsere gemeinsamen Überlebens-Chancen als Spezies viel größer, als wenn jeder für sich kämpft und irgendwann resigniert, „weil die anderen ja ach so unfreundlich und rücksichtslos sind“. Etymologisch ist die „Würde“ übrigens vom „Wert“ abgeleitet, der eine besondere Bedeutung, Gewichtigkeit und Qualität beschreibt. Jeder Mensch ist wertvoll, will gesehen und ernstgenommen werden, so wie er eben ist. Fühlt er sich ausreichend berücksichtigt, ist er oftmals auch bereit, sich mit anderen für ein gemeinsames Ziel einzusetzen und seine Ideen einzubringen.

Etwas Rücksichtnahme an öffentlichen Orten, statt lauthals ins Handy zu plärren, meine Fast Food-Tüte in den Müll statt auf die Straße zu werfen, mit einem Mitpatienten beim Hausarzt ein paar freundliche Worte zum Überbrücken der Wartezeit wechseln. Und so vieles mehr – all das ergibt die Summe der täglichen kleinen Gesten und Erlebnisse, die zusammen mit meiner Erziehung und Erwartungshaltung mein persönliches Weltbild prägen.

All das gelingt mir an manchen Tagen mehr und manchmal auch weniger gut. Aber es immer wieder zu versuchen, jeden Tag aufs Neue, das macht unsere Würde im sozialen (statt nur digitalen) Miteinander aus.

Petra Heinemann, Mannheim

Im allgemeinen Sprachverständnis wird Würde als „der Achtung gebietende Wert eines Menschen und die ihm deswegen zukommende Bedeutung“ definiert, tatsächlich ist sie aber „die eigene Wertbestimmung im moralischen Sinn“. Fasziniert von dem Artikel und der Fragestellung möchte ich hinzufügen, dass der Forschergeist von Faust heute oft von einer, allerdings gewollten „Ablenkungsindustrie“ eingelullt wurde, der Stellenwert der Geisteswissenschaften hat dramatisch abgenommen.

Wenn auch Christen sich mit der Antwort auf die Gretchenfrage Schwierigkeiten haben, liegt es daran, dass die Vermischung von Zeitgeist und Politik mit der reinen Bibellehre in den Kirchen Erklärungsnot in richtungsweisenden Orientierungsfragen nach sich ziehen, die Intensität des Glauben beim einzelnen Christen selbst ist so unterschiedlich wie die individuelle Auffassung des Begriffs Würde, wie der Autor erkannt hat.

Meiner Meinung nach kann „sich der eigenen Würde bewusst sein“ das Zusammenleben nur in der Theorie erleichtern, ist höchstens im kleineren Kreis, bei ähnlichen Voraussetzungen der Menschen realisierbar; unbewusst können auch andere Kulturen trotz Moralbewusstsein durch eigene Unkenntnis von deren Eigenarten verletzt werden – dies sieht der Autor etwas differenziert. Letztendlich erschweren wir uns oft das Leben, in dem wir heute aus der Fülle von Informationen das Optimale für uns herausfiltern wollen, dieser Prozess behindert das eigene Reifen in vorhandenen, nicht aufgebrochenen Hierarchien und Strukturen.

Persönlich habe ich meiner moralische Wertbestimmung im eigenen Entwicklungsprozess auf der Basis des Christentums die Richtung gegeben, vergleichbar mit einem Fluss in seinem Bett strömend. Die eigene Würde ist sehr wichtig für die Gesundheit, kann sie doch psychische Blockaden in Kopf und Körper lösen, die Schulmediziner vielleicht sogar vor ein Rätsel stellen. Sie erlaubt mir, Freiräume fern des Alltags zu schaffen. Sie ist ein Schutzpanzer vor versuchten Attacken des würdelosen Mobs, Mobbing zu betreiben.

Eine moralisch aufrechte Haltung erzeugt wie eine körperlich aufrechte Haltung einen gewissen Respekt beim Gegner. Meinen Mitmenschen möchte ich ein kleines Beispiel geben, werde ich von ihnen begleitet, löst es große Freude in mir aus. Schließlich soll die eigene Würde ein Garant für Wohlbefinden und Glückseligkeit sein.

Jörg Biberacher, Mannheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2IRNP3C

Zum Thema