Leserbrief

Weltgeschichte ist wesentlich komplexer

Zum Artikel „Auch die Queen sagt Danke“ vom 6. Juni:

Es gehört zur menschlichen Kultur, dass man sich gemeinsam an herausragende Daten und Geschehnisse erinnert. So ist es durchaus zu begrüßen, wenn durch sogenannte Staatschefs auch der Landung und des beginnenden Kampfes in der Normandie erinnert wird. Dies hat den Europäern eine weitergehende Nazi-Herrschaft erspart. Allerdings sollten dabei weder Staatsmänner, die Medien oder die Bevölkerung dabei so tun, als sei der Dank nur in Richtung Westen gerechtfertigt.

Trotz aller Nachkriegsgräuel sollte man nicht vergessen, dass die größten Opfer an Soldaten und Zivilisten die Russen erbringen mussten. „Leningrad“ (heute St. Petersburg; mit über einer Million Toten) und nicht zuletzt „Stalingrad“ (heute Wolgagrad) sind die markantesten Schauplätze der erbittertsten Kämpfe und unsäglicher Not. Die westlichen Alliierten griffen erst mit ihrer Landung am 6. Juni 1944 in der Normandie ein, nachdem die deutsche Armee in Stalingrad bereits im Februar 1943 kapitulieren musste. Die deutsche Armee war ab diesem Zeitpunkt nur noch im Verteidigungskampf und musste sich im Kampf gegen Russen immer mehr zurückziehen.

Vordringen verhindern

Dass hier eine Diktatur (unter Hitler) mit der anderen (unter Stalin) im Kampf lag und man letztlich keinem dieser Feinde den Sieg gönnen müsste, ist das eine. Das andere ist jedoch auch, dass die westlichen Alliierten ihre eigenen nationalen und wirtschaftlichen Interessen bedroht sehen mussten. Es galt somit nicht nur Nazi-Deutschland zu besiegen, sondern auch ein weiteres Vordringen der Russen in Europa zu unterbinden.

Die gesamte Geschichte ist jedenfalls wesentlich komplexer als uns Politiker, Presse und Gedenktagsfeiern verkaufen wollen – oder als dies in einem Leserbrief aufgezeigt werden kann. Dazu gehören anschließend auch die Wertungen um die Folgen der nazi-deutschen Niederlage. Während eine Westzone vor allem durch die USA massiv aufgepäppelt wurde, musste sich eine besetzte Ostzone über Jahrzehnte erst einmal den riesigen Reparationsforderungen Russlands beugen. Vom ersten Tag des Wiederaufbaus bestanden somit eklatant unterschiedliche Entwicklungschancen, die nichts mit überlegender westdeutscher Tüchtigkeit zu tun hatten. (Roland Weber, Mannheim)

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/2R5ftiB

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