Leserbrief

„Werbung für Verschwörungstheoretiker“

Archivartikel

Zum Artikel: „Kritik im Schaufenster“, MM vom 28. Mai 2020:

Wir finden Ihre Berichterstattung sehr fragwürdig, da Sie Werbung für Verschwörungstheoretiker machen und kein einziges Stück Einordnung liefern, wie man es von einer verantwortungsvollen Redaktion erwarten sollte. Sie zitieren seine Anekdoten und hegen keinen Zweifel an deren Richtigkeit, was den Eindruck einer willkürlich agierenden Staatsmacht verstärkt.

Zudem bedienen Sie das Opfer-Narrativ, welches von Verschwörungstheoretikern benutzt wird, um ihre Märtyrer-Rolle des Unbequemen und Verfolgten zu zementieren: „Der arme durch Corona-Maßnahmen geschädigte Unternehmer wird schriftlich beschimpft, obwohl er doch nur kritisch ist.“

Zu Ihrer Information: In diesem sogenannten Centrum ist kein Kundenverkehr oder Geschäftsbetrieb zu erkennen – der Laden steht seit Jahren leer. Einzig eine „kritische“ Veranstaltung zur „gefährlichen 5G-Strahlung“ war nach Angaben von Herrn Vogel ausverkauft (Quelle: Aushang von ebd.).

Zudem schaffen Sie durch die unkritische Art und Weise der Aufbereitung des Artikels auch noch die sogenannte „Confirmation Bias“ bzw. den Bestätigungsfehler. So tragen Sie dazu bei, die Ansichten eines Mannes weiter zu festigen, indem Sie so tun, als sei seine „Kritik“ gerechtfertigt. Dies gilt natürlich auch für Ihre Leser.

Wir gehen davon aus, dass es Ihnen darum ging, auch mal eine andere Meinung in der Zeitung zu präsentieren, um dem Pluralismus Rechnung zu tragen. Dafür hätten Sie aber einige Informationen mehr einfließen lassen müssen, was auch in nicht wertender Weise möglich gewesen wäre. So kann sich jeder selbst ein Urteil bilden. Das nennt man „guten Journalismus“. Diese Informationen aber wegzulassen und ein Opfer-Narrativ zu bedienen, ist nichts als fahrlässig. Sicherlich kann man die Maskenpflicht kritisieren, aber man sollte sich die Gründe dazu genau anschauen.

Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass man sich jeden Unsinn unwidersprochen anhören muss. Ihr Artikel hängt übrigens mittlerweile im Schaufenster von Herrn Vogel – er wird dazu genutzt, Bürgermeister Schmutz ungerechtfertigte Maßnahmen vorzuwerfen. Als Zeitung tragen Sie eine Verantwortung, bitte werden Sie sich dieser bewusst.

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