Leserbrief

Wertvolle Stille

Zum Debattenbeitrag „Ist Stille heute wichtiger denn je, Herr Kitzler?“ vom 18. August:

Der Autor sammelt Weisheiten antiker und fernöstlicher Gelehrter und empfiehlt dem gestressten Yuppie Stille als Entspannung. Stille und fortschrittliche Technik sind natürliche Feinde, Technik verspricht bei permanenter Nutzung Rentabilität, die Maxime unseres Wirtschaftssystems. Der Gastbeitrag vermittelt mir eine Nähe zum Buddhismus, dessen ethisches Ziel die Selbsterlösung ist und als in erster Linie das Ego fördernde Religion gut zu unserer Arbeitswelt passt. Wir werden zur Rückkehr zu den Wurzeln aufgefordert, meine sind das Christentum. Die Mitmenschen sollten so wichtig sein wie ich selbst.

Stille ist viel mehr als die beschriebene Entspannung. So sehe ich die zweisame Stille, wenn die Mutter ihr Kind stillt oder wenn Partner sich gegenseitig beruhigen. Vor den Zeiten der elektronischen Super-Nannys war es leichter möglich, auch mit Kindern die Stille der Natur gemeinsam zu genießen, ohne Radio und Fernseher wurde, einfach wohnend, nachts die Stille nur durch das tiefe Atmen der schlafenden Lieben begleitet.

Dank für das Erlebte

Gotteshäuser laden in pulsierenden Städten zum stillen Innehalten ein. Der Benediktinerpater Anselm Grün sagt: „Wer einsam ist und dabei alleine, der ist in schlechter Gesellschaft.“ Er assoziiert Einsamkeit mit Einsammeln, sich sammeln und die gute Gesellschaft mit der Kommunion mit Gott. Wer alleine nachdenkt, kommt leicht ins Grübeln und greift oft schnell zur Ablenkung. Wer die Gesellschaft von Alkohol oder Drogen sucht, dem wird die eigentliche Besinnung, die tiefere Bedeutung der Stille, verwehrt bleiben.

Es gibt auch Menschen, die nur in Stille leben und sich mit der Gegenwart des Alltags überfordert fühlen. Unvergessen ist für mich das Morgengrauen einer stillen Nacht, als ich auf leeren Straßen zum Monate vorher verunglückten Kind fuhr, um Weihnachten mit ihm zu Hause, fern der Klinik, zu verbringen. In der Stille der Autobahn war mir die biblische Geschichte von Geburt, Tod und Auferstehung mein stiller, allgegenwärtiger Begleiter. Stille ist Erntezeit, das Erlebte wird verarbeitet oder eingelagert. Wenn am Ende der Stille, unabhängig vom Ertrag der Dank für das Erlebte steht, dann ist Stille schöner und wertvoller denn je. (Jörg Biberacher, Mannheim)

Zu dem Artikel ist nichts mehr hinzuzufügen. Es wird alles auf den Punkt gebracht, ganz ausgezeichnet, ich bin begeistert. Der Artikel hängt ausgeschnitten am Kühlschrank, so dass ich ständig erinnert werde, um was es eigentlich geht. Danke dafür! (Regine Mills, Hockenheim)

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2Mtlmaf