Leserbrief

Wie die Raupe Nimmersatt

Zum Debattenbeitrag „Warum müssen wir uns endlich mäßigen, Herr Vogel?“ vom 20. Oktober:

Mäßigung ist in unserer heutigen Gesellschaft ein Fremdwort und hat nicht mehr seinen rechten Platz im Vokabular. Häufig wird es, fälschlicherweise, als Nichtteilhabe am Leben interpretiert. Das immer höher, weiter, schneller und besser, hat seine negativen Wirkungen nicht verfehlt.

Wer will sich auch schon sagen lassen, unsere exzessive Lebensweise würde den Planeten Erde überfordern! Dabei verlieren wir aus den Augen, dass das Streben nach stetigem Wachstum längst die Grenzen überschreitet; der Club of Rome hat es in seiner Studie „Die Grenzen des Wachstums“, bereits 1972 aufgezeigt. Doch in der damaligen Phase, in der die Industriestaaten prosperierende Wirtschaften vorzuweisen hatten, der Fokus ausschließlich ökonomisches Handelns bestimmte, wurden derartige Warnungen in den Wind geflüstert.

Das Materielle, bis heute vorherrschend in unserer Gesellschaft, hatte sich seinen „Platz erobert“. Es hat sich so manifestiert, dass die Menschen glaubten, ja sich noch immer diesem Trugschluss hingeben, die Lust am Leben zu verlieren. Die Gier nach Moneten und der Macht, ähnlich der Raupe Nimmersatt, fraß sich durch die vergangenen Jahrzehnte. Im Vordergrund sahen wir – manipuliert von modernem Marketing – die angebliche Freiheit im Konsum, dem Wohlstand. Wer wollte da schon zurückstehen? Plötzlich wurde aus dem Leben eine Spaßgesellschaft; an Platons Weisheiten, die unter anderem die Mäßigung als eine der Tugenden einschloss, dachte da kein Mensch; im Gegenteil, solche Mahnungen hätten wir als Eingriffe in unsere Freiheit empfunden.

Den jungen Menschen, die bloß das Streben nach dem Mehr erlebten, können sich gar nicht vorstellen – ja sie wollen es vermutlich auch nicht –, dass dieser Raubau an dem Planeten Erde in einem Chaos enden könnte. In Frieden und Freiheit aufgewachsen, haben sie auch nie erfahren müssen, was Verzicht oder von Zeit zu Zeit Maßhalten, an positiven Aspekten bedeuten könnte. Es würde, wie Vogel zu Recht beschreibt, nicht nur unseren Planeten vor der Ausbeutung, der Zerstörung bewahren, sondern auch ein gesünderes Leben, als Folge des Maßhalten, mit sich bringen.

Die Entschleunigung der vergangenen Zeiten ging in das unaufhaltsame Beschleunigen über. Das Streben nach dem, was Glück und Zufriedenheit sein sollte, endete in einer Sackgasse. Es ist wie bei einem ständig steigenden Alkohol- und/oder Esskonsum; wir führen uns die Glückshormone zu, die uns Jahre später zum kranken oder unzufriedenen Menschen machen.

Neustart nötig

Das richtige Maß zu finden, ist sicher nicht einfach. Doch das Übermaß zu verteidigen, wird unsere Mutter Erde als auch dem Homo sapiens, die Pfründe streitig machen, am Ende das nehmen, was einst zur freien Verfügung stand. Deshalb wäre es einen Versuch wert, uns nicht bloß alter Weisheiten zu erinnern, sondern nach diesen zu leben.

Dafür bedürfte es eines Neustarts der Übermaß-Gesellschaft, die, möglichst unisono, das zu verhindern versucht, was dieser Planet nicht mehr aushält.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2zvzXZs