Leserbrief

Wie Leser den „Debatten“-Text zu psychischen Erkrankungen bewerten

Zum Debattenbeitrag „Grenzt unsere Gesellschaft Menschen mit psychischen Erkrankungen aus, Frau Kuhlmann?“ vom 22. September:

Ich selbst bin Betroffene von Depressionen und psychischen Problemen. Als ich dann den Artikel von meiner Schwiegermutter mitgebracht bekam und das Bild von Lena Kuhlmann sah, war ich direkt hin und weg.

Ich musste den Artikel sofort lesen und war hellauf begeistert. Ich finde es sehr wichtig, dass Vorurteile aufgeräumt werden. Das Schubladendenken muss aufhören, beziehungsweise geändert werden. Ich selbst schreibe aktiv auf Instagram (https://www.instagram.com/julia_s_diary_blog/) über mich und meine Krankheit. Ich schreibe nicht darüber, weil ich Mitleid möchte. Ich schreibe darüber, weil ich aufklären möchte. Ich möchte, dass über diese Krankheit gesprochen wird, denn wenn man darüber schreibt oder berichtet, bekommen die Menschen mehr Einblicke. Sie werden es nicht verstehen, aber das Verständnis wird sich hoffentlich ein wenig verändern. (Julia Mavritsakis, Ludwigshafen)

Wer von uns ist ohne traumatische Altlasten? Selbst Egomanen plagen Selbstzweifel. Die Gesellschaft, jeder Einzelne für sich, entwirft einen Katalog, was als normal erachtet wird. Das beginnt bei Alltäglichem und endet in der Parapsychologie. Richtig ist, dass psychische Erkrankungen stärker als ursächlich körperliches Weh durch Selbstmitleid, gepaart mit sich verselbstständigender, hoher Schauspielkunst einhergehen. Wo und wie differenzieren? Die Hebel – auch den Hobel ansetzen? Gutmeinende, fachfremde Helfer wie Berufene stehen oft ohnmächtig vor dem Wust tausendfacher Ausprägungen.

Aus Psychospiel wird bitterer Ernst ab dem Moment, wenn wir uns des seelischen Ungleichgewichts bewusst werden. In dieser Phase des lähmenden Vergrübelns sollten Betroffene schleunigst die sich anfangs noch langsam drehende Spirale durchbrechen. Dann ist dieser Schwebezustand abrupt beendet wie das Erwachen aus einem bösen Traum. Als relativ Gesunde, mit beiden Beinen im Leben stehende Körper-Seele-Geist-Wesen leben wir pragmatisch. Da alles leidlich funktioniert, registrieren unsere Sensoren bestenfalls: alles im grünen Bereich. Vergleichbar der Kopfschmerzen von leichtem, noch wegzudenkendem Ziehen bis zu marternder Migräne schreit bei psychischer Dysfunktion die Befindlichkeit Alarm. Meist sind die Begleiter gestörter Schaltkreise auch körperliche Maläster. Selbst Morphium versagt und die ganze Apotheke... Ob dem bergeversetzenden Glauben oder wessen Unterstützung auch immer der weitgehend Genesene seine Heilung zuschreibt: Er spürt vollumfänglich, wie die Rädchen wieder besser ineinandergreifen. Damit ist er – wissend um die Nöte – prädestiniert, anderen Leidenden helfend die Steigbügel zu halten. (Andreas Weng, Mannheim)

Seelische Leiden beinhalten immer noch einen Makel in einer Gesellschaft, die so von Leistung und problemlosem Funktionieren bestimmt ist. Wir leben heute in einer Gesellschaft, wo psychische Leiden zu einer wahren Volkskrankheit geworden sind – jeder zehnte Bundesbürger benötigt den Beistand von Ärzten und Therapeuten. Das wird von oben her in der Politik nicht allzu gerne gesehen.

Seelisch krank zu sein, bedeutet immer noch stark im Abseits stehen – kaum Hoffnung haben, im ersten Arbeitsmarkt noch unterzukommen. Was das alles für das Selbstwertgefühl bedeutet, braucht hier nicht groß erläutert werden. Tiefenpsychologe Rudolf Affemann spricht in seinem Buch von einer krankmachenden Gesellschaft, wo tiefes Verstehen und Mitgefühl keinen Profit erwirtschaften kann. Doch eine Gesellschaft ist nur dann wirklich bejahend, wenn darin die Schwächsten einen entsprechenden Platz und Möglichkeiten bekommen und nicht aufs Abstellgleis gestellt werden. (Manfred Fischer, Mannheim)

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2zw4LKH