Leserbrief

Wie Leser über Alltagsrassismus denken

Zum Debattenbeitrag „Wie äußert sich Alltagsrassismus in Deutschland, Herr Mabanza?“ vom 11. Juli:

Der Artikel könnte ein konstruktiver Beitrag zur Diskussion von Alltagsrassismus und Diskriminierung in Deutschland sein, wäre da nicht ein einziger Satz, der das Ganze beschädigt oder sogar zunichtemacht: „Und vor allem wollen (diejenigen) nicht wahrhaben, dass Rassismus als internalisierte Haltung in jeder weißen Person steckt.“ Was ist das anderes als ein Pauschalvorurteil?

Außerdem würde ich mir wünschen, dass der Autor ein bisschen mehr differenzierte, was er unter Weiß versteht. Europäisch-Stämmige all over the world? Wo sind die alten Perser oder andere Gruppen, die man vom Äußeren her auch als „Weiß“ bezeichnen würde? Nicht jeder „Nicht-Weiße“ oder auf andere Art hierzulande Auffällige betrachtet übrigens die Frage „Woher kommst du?“ als Rassismus.

Ich habe in der S-Bahn (vor Corona) schon interessante Gespräche geführt, wenn ich Menschen mit nicht-muttersprachlichem Akzent fragte, was denn ihre Erstsprache sei. Oder wenn sie in einer fremden Sprache, besonders wenn diese mir unbekannt war, in ihr Handy sprachen und nachher akzentfrei mit ihrem Nachbarn auf Deutsch weiterredeten. Sie nahmen meine Fragen wahr als das, was sie waren: Zeichen von Neugier, Interesse, Aufgeschlossenheit und manchmal von ein bisschen Bewunderung. Hildegard Thies, Mutterstadt

Den Artikel von Herrn Mabanza über Alltagsrassismus in Deutschland habe ich mit großem Interesse gelesen. Darin werden jedoch Ansichten deutlich, die ich so nicht unwidersprochen stehenlassen möchte, da sie wiederum rassistische Züge tragen und teilweise – meiner Ansicht nach – schlichtweg falsch sind. Bereits zu Beginn seiner Ausführungen postuliert Herr Mabanza, dass in jeder weißen Person rassistische Haltungen „steckten“. Dies an sich ist bereits rassistisch gegenüber Personen mit weniger pigmentierter Haut und als Behauptung nicht nur falsch, sondern auch viel zu kurz gegriffen.

Rassistische Tendenzen sind allen Menschen eigen. Man findet sie auf allen Kontinenten und unter allen Völkern, selbst unter Volksgruppen innerhalb von Nationen. Der Jugoslawienkrieg ist nur ein innereuropäisches Beispiel aus neuerer Zeit, ebenso die Kurdenpolitik der türkischen Regierung, der Umgang mit Sinti und Roma in Rumänien oder die innerafrikanischen Genozide wie beispielsweise in Ruanda geschehen, wären auch geeignete Beispiele, um diese Behauptung zu widerlegen.

Ebenso falsch wie gefährlich ist die Behauptung, dass ausschließlich nicht-weiße Menschen Opfer rassistischer Diskriminierung seien. Menschen osteuropäischer Nationen sowie Südeuropäer, aus den, bei Deutschen so beliebten Urlaubsländern, sind ebenso Adressaten von volksgruppenspezifischen Zuschreibungen, die letztlich auch rassistisch diskriminierend sein können. Die Wertung in positiv oder negativ, variiert dabei, abhängig davon, ob das Land im Urlaub bereist wird, oder ob Personen dieses Kulturkreises hier arbeiten und leben.

Herr Mabanza stilisiert in seinem Gastbeitrag Menschen mit stärker pigmentierter Haut zum prädestinierten Ziel, der ach so rassistischen weißen Bevölkerung. Dies ist, nach meiner Ansicht, nicht nur sehr undifferenziert und deshalb falsch, sondern birgt Gefahren. Wenn ich mich unterschwellig vom weißen Teil der Bevölkerung, weil diesem immanent, rassistisch diskriminiert betrachte, mache ich mich selbst zum Opfer und nehme mir damit die Chance der vorurteilsfreien und wertneutralen Sichtweise.

Dass Rassismus in Deutschland besteht, ist eine unbestrittene Tatsache. Dies jedoch als alleiniges Problem der Weißen abzutun, ist falsch und birgt die Gefahr der Fehlinterpretation. So ist die Möglichkeit, dass ein hellhäutiger Fahrgast nicht neben einem farbigen Menschen Platz nimmt, auch wenn dies der letzte freie Platz in der Bahn ist, vielleicht, weil er beispielsweise nicht mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzen kann oder möchte, in diesem „Schwarz-weiß-Denken“ nur schwer plausibel, aber dennoch möglich. Gleichsam sind Ordnung und Sauberkeit sowie Fleiß kein Alleinstellungsmerkmal, der in Großbritannien abwertend, als „Krauts“ bezeichneten Deutschen.

Nur um nicht den Eindruck der Verharmlosung oder Relativierung des Problems aufkommen zu lassen: Rassismus ist und wird, gerade vor dem Hintergrund der erstarkenden rechtsnationalen Gesinnung und deren immer weiter in die Mitte der Gesellschaft rückenden Salonfähigkeit, zunehmend ein (nicht mehr zu ignorierendes) Problem in Deutschland. Daher ist ein, wie auch immer gearteter Diskurs immer gut und wichtig.

Es ist aber viel zu einfach, dies als rein „weißes“ Problem darzustellen und den „nicht-weißen“ Menschen eine Opferrolle zuzuweisen. Ein wirklich respektvolles Miteinander und kein reines Nebeneinander gelingt nur über gegenseitigen Respekt, persönlichen Kontakt, in Gesprächen auf Augenhöhe, im „Aufeinander-Zugehen“ und mit Neugier am jeweils Anderen oder Fremden. Auch diese Fähigkeiten sind unabhängig von der Melaninkonzentration in unserer Epidermis. Ina Idemudia, Mannheim

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/30ib6FS