Leserbrief

Wie Leser über Produkte aus der Region denken

Zum Kommentar „Vertrauen verdient“ vom 28. April:

Endlich wird immer mehr Verbrauchern bewusst, wie wichtig es ist, Produkte der Region zu kaufen und diese für die Familien auf den Tisch zu bringen. Vielen Dank an Simone Jakob für ihren Kommentar. Leider wird es den Käufern in den Supermärkten nicht leicht gemacht, dem vernünftigen Menschenverstand zu folgen.

So wurden von einer namhaften Lebensmittelkette auf einer (!) Doppelseite ihres Wochenprospektes folgende Produkte angeboten: Lachs aus Norwegen, Pangasiusspieße aus Vietnam, Rotbarsch aus Island, Oliven aus Sizilien, Trauben aus Indien, Mangos aus Burkina Faso, Himbeeren aus Spanien, Birnen aus Südafrika, Avocados aus Chile und Kolumbien, Ananas aus Costa Rica, Pilze aus Südkorea, Grüner Spargel aus Spanien und Italien, Tomaten aus Tunesien, Peperoni aus Spanien, Zucchini aus Italien und so weiter.

Für den Verbraucher bleibt nur zu hoffen, dass bei den jeweiligen Erntehelfern alle bei uns wichtigen und vorgeschriebenen Hygienevorschriften eingehalten werden, der Mindestlohn gezahlt wird und Arbeitszeiten im gesetzlichem Rahmen eingehalten werden, sowie Rückstandsuntersuchungen in den Produkten durchgeführt wurden.

Oder sollten wir alle uns nicht endlich Gedanken über den Sinn und Unsinn des uneingeschränkten Weltmarktes in dieser für uns alle schwierigen Zeit zu machen? (von Gerhard Seitz, Mannheim)

Dass im funktionalen System Menschen auf den Feldern für Billiglöhne arbeiteten, war Usus. Die Landwirte waren damit zufrieden. Die Feldarbeiterinnen und Arbeiter fragte keiner. In vielen Regionen gab es Missstände, nicht nur mit schlechter Entlohnung, sondern auch mit menschenunwürdiger Unterbringung.

Erntehelfer zur Weinlese, nicht nur in der Pfalz, kampierten auf Rastplätzen ohne jede sanitäre Einrichtungen. Zugegeben, das ist lange her und wurde auch rasch geändert. Was sich nicht geändert hat, ist das Problem, saisonbedingt Menschen zu bekommen, die zu Löhnen auf den Feldern schwere Arbeit leisten, wofür deutsche Arbeiterinnen und Arbeiter nicht arbeiten wollen. Über die derzeitige Unterbringung der Saisonarbeiter zu dieser unseligen Zeit, möchte ich mich hier nicht einlassen. Dass es auch zahlreiche Bauernhöfe gibt, die ihre langjährigen Arbeiterinnen und Arbeiter vorbildlich behandeln und entlohnen, möchte ich hier lobend erwähnen.

Der lange ignorierte Skandal zeigt nun erst deutlich, worauf sich teilweise der Wohlstand gründet, wenn es darum geht, sich günstig mit Obst, Gemüse und Feldfrüchten zu versorgen. Ich gebe Frau Jakob recht, dass es nicht sein muss, dass wir uns mit billiger Ware beim Discounter eindecken müssen, wenn es regional Gleichwertiges gibt.

Wen interessiert es, dass die günstigen Angebote der Auslandsware dadurch zustande kommt, dass die örtlichen Erzeuger von den Discountern mit den Abnahmepreisen unter das Existenzminimum gedrückt werden. Das System, das sich über so viele Jahre entwickelt hat, kann leider nicht in kurzer Zeit revidiert werden. Erst wenn es als krank und untragbar erkannt wird, kann ein Wandel einsetzen. Höchste Zeit dafür.

Es zeigt aber auch, wie sich Dinge entwickeln, wenn man ihnen nicht rechtzeitig Einhalt gebietet. Frau Klöckner kann nicht aufholen, was ihre Vor-vor-vorgänger versäumt haben, bzw. die Agrarlobby verhindert hat. Frau Jakob hatte in ihrem räumlich begrenzten Kommentar, vermute ich, keinen Gedanken mehr unterbringen können, um anzumerken, wie es Menschen geht, die aufgrund ihres geringen Einkommens darauf angewiesen sind mit dem Rollator beim Discounter einzukaufen. Oder sich sogar bei der Tafel mit dem täglichen Bedarf versorgen. Ganz im Gegensatz zu Bürgern, die zum Einkauf mit dem SUV beim Supermarkt vorfahren. Das möge sich hart anfühlen, aber es ist Realität im reichen Deutschland 2020. (von Dietmar Hissek, Mannheim)

Originalartikel unter https://bit.ly/2Yqsau5