Leserbrief

Wiederauferstehung der Mitmenschlichkeit

Zum Artikel „Ein Recht auf Faulheit?“ vom 9. April:

Nachdem ich über die Titelzeile im „MM“ in der Printform gestolpert bin, habe ich zum Glück online den kompletten Artikel aufgerufen, bevor ich einen empörten Brief zum „Bild“-Zeitungsstil dieses Artikels verfasse. Dort fand ich zu meiner Beruhigung dann doch noch eine seriöse Überschrift! Dabei widerspricht die reißerische Titelwahl im Printmedium der gedruckten Stellungnahme des Fachmanns Professor Neumärker zum Grundeinkommen diametral.

Jeder Mensch ist gleich wertvoll – warum muss er sich weiterhin über die Höhe seines Einkommens definieren? Die Krise zeigt uns, wozu wir alle in der Lage sind – ideale Voraussetzungen für ein Umdenken: „Thinking outside the Box“, fordern zu Recht Wirtschaftsfachleute wie Professor Neumärker! Es ist aus meiner Sicht richtig und wichtig, dass wir gerade in dieser existenziellen Krise konstruktiv über Systemveränderungen nachdenken dürfen. Dass Menschen, die das Thema Grundeinkommen fundiert erforschen und dafür endlich wissenschaftlich tätig werden können, um mögliche Effekte seriös zu untersuchen, nicht ausgebuht werden.

Dass der „MM“-Interviewer Walter Serif ihm vorwirft, er sei möglicherweise voreingenommen, da Lutz Görner doch diesen Lehrstuhl finanziere, finde ich grotesk und beleidigend. Da müssten wir ganz andere Geldquellen in Frage stellen, wenn wir auf diesem Niveau debattieren wollten. Im Gegenteil: Es können gar nicht genügend Fachleute an dem Nachweis arbeiten, dass wir Menschen konstruktiv und solidarisch mit Mensch und Umwelt umgehen können, wenn unsere Existenzgrundlage gesichert ist. Der Mensch ist solange auf sich selbst konzentriert, wie die Erfüllung seiner Grundbedürfnisse in Frage gestellt ist. Darüber hinaus sind wir alle sehr wohl in der Lage, anderen in der Gemeinschaft zu dienen.

Selbstbestimmtes Handeln

Stellen Sie sich nur kurz mal vor, wie viel freie Energie und Eigenmotivation in realen Gemeinschaftssinn und aktiven Umweltschutz wir umwandeln könnten, wenn für Hartz-IV- und Sozialhilfe-Bedürftige (und nebenbei auch die „Fall“-Betreuer im Arbeitsamt) weniger Zeit damit verbringen müssten, endlose Anträge und Belege durchzudeklinieren.

Statt als Bittsteller von oben herab immer wieder abgewertet zu werden, würden diese Menschen als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft wahrgenommen und könnten dort tätig werden, wo sie gut sind und sich auskennen – oder auch zugunsten der Umwelt dem Gemeinwohl dienen. Viele von ihnen sind ohnehin ehrenamtlich tätig, und nur ein kleiner Prozentsatz würde ein Grundeinkommen „ausnutzen“ – so dass „Faulheit belohnt“ würde.

Selbstbestimmtes, verantwortliches Handeln in unserer Demokratie bedeutet doch, dem humanistischen Menschenbild zu folgen: Stellen Sie sich für einen Moment vor, wir würden nicht länger die Gier nach Geld zum Antrieb allen menschlichen Engagements erklären und den „freien Markt“ als Schaffer unseres Wohlstands verherrlichen: Statt „Arbeitsplätze, Arbeitsplätze!“ würden Vernunft und Gemeinwohlökonomie unser Tun bestimmen – eine wahrlich österliche Wiederauferstehung der Mitmenschlichkeit und Fürsorge füreinander, ebenso wie für unsere Umwelt. (Petra Heinemann, Ilvesheim)

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/2xAPWZj