Leserbrief

Wille zur Trennung überwiegt

Zum Thema Brexit:

Brexit ist Brexit. Dies soll heißen, das Ergebnis des Referendums, der Volksabstimmung, ist unumstößlich. Die Volksabstimmung wird damit quasi heiliggesprochen. Eine Wiederholung, ein zweites Referendum, ist unmöglich. Infolge des Referendums wird den Parlamentariern und damit dem Parlament die mit der Wahl erteilte Macht entzogen. Anstelle der Parlamentswahl tritt nun die mit einer anscheinend weitaus höheren Güte versehene Volksabstimmung. Konnte Frau May noch 2017 nach Belieben parlamentarische Neuwahlen ansetzen, so ist nun ein zweites Referendum nach der „heiligen“ Volksabstimmung nicht mehr möglich. Die parlamentarische Demokratie wird hier durch eine Art „Volksdemokratie“ ersetzt. Bemerkenswert ist die Hartnäckigkeit, mit der der Austritt aus der EU verfolgt wird. Es werden sogar mögliche kriegerische Auseinandersetzungen an der irisch-nordirischen Grenze sehenden Auges in Kauf genommen.

Großbritannien ist in vielen Jahrzehnten auf fast allen Ebenen des menschlichen Lebens mit der EU zusammengewachsen. Die gewachsenen Verbindungen sollen nun –friedlich – getrennt und neu geregelt werden. Die Entflechtung zweier über lange Zeiträume zusammengewachsener Staaten ist in der Praxis eine schier nicht zu lösende Aufgabe. Hochkomplexe Aufgaben wie diese sind daher im Allgemeinen bei Parlamentariern, sprich Berufspolitikern, besser aufgehoben, als beim einfachen Bürger. Aber auch diese scheinen überfordert, wie das Durcheinander in Großbritannien zeigt. Doch der Wille zur Trennung überwiegt. Die USA machen inzwischen keinen Hehl mehr daraus, dass sie die EU und den Euro als Gegner betrachten (Pompeo in Brüssel). Die USA hat nichts unversucht gelassen, das Vertrauen in den Euro und die EU zu untergraben. Ihre Strategie ist die Vereinzelung der EU auf Nationalstaaten. Der US-Spaltpilz findet in der EU Nährboden.

Gnadenstoß für die EU?

Die EU ächzt und droht bereits jetzt unter der Last der Flüchtlingskrise auseinanderzubrechen. Doch der Brexit steht noch bevor. Ist er der finale Schlag, die anglo-amerikanische Abrissbirne, der Gnadenstoß für die EU? Der Brexit lehrt inzwischen die Menschen das Fürchten. Die „gespaltene Gesellschaft“ kündigt, einem Wetterleuchten gleich, die Unregierbarkeit der Demokratien an. Der Machtkampf um das Erbe der EU ist im Gange.

Die Europäer leisten Beihilfe zu ihrem eigenen Untergang. Man versteht es nicht. Aber gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens. Wir haben nur dieses eine Europa, die EU, die allen Mitgliedern Wohlstand gebracht hat. Nur mit der EU können die Europäer selbstbestimmt in die Zukunft schreiten. Es wird keine zweite Chance geben.