Leserbrief

Leserbrief: Zum Zustand der Tauber zwischen Creglingen und Tauberzell

Wir sollten im wahrsten Sinne des Wortes zuerst vor der eigenen Haustüre kehren

Wer in den vergangenen Monaten die Tauber entlang von Creglingen bis zur Holdermühle an der baden-württembergisch-bayrischen Grenze hinauf wanderte, staunte nicht schlecht, als er am Ortsende von Archshofen vor einem ausgetrockneten Flussbett stand. Von Ende Mai bis in den Oktober war das Flüsschen auf eine Länge von über 500 Meter trockengelegt. Kein Fischlein war in den winzigen übrig gebliebenen Pfützen der ehemals stolz dahinfließenden Tauber zu sehen. Das Moos hat bereits einen dicken Belag über die Kieselsteine des Gewässerbodens gezogen, und an den Uferrandstreifen und in den flachen, feinen Sedimentablagerungen wucherten meterhohe Gräser und Farne.

Unter den Steinen und Unterständen des einstigen Forellenflüsschens fand man keine Bioindikatoren unserer Gewässer mehr. Steinfliegen, - und Eintagsfliegenlarve, sowie die den meisten Naturfreunden sehr gut bekannte Köcherfliegenlarve mit ihren tausendfachen Tarnmöglichkeiten und der häufig vorkommende Bachflohkrebs waren aus dem Flussbett verschwunden. Auf ihrem natürlichen Verlauf schlängelte sich unser Tauberflüsschen an dieser Stelle einst durch das Tal, man sah die Ränder des früheren Wasserspiegels und die freiliegenden Wurzel der Weiden am Ufer, sie dienten den Fischen als Versteck und Unterstand. Die in unseren heimischen Gewässern noch gut vertretenen Kleinfische wie Groppe, im Volksmund auch Roppsel oder Mühlkoppe genannt, die Elritze, Bachschmerle, aber auch Nutzfischarten wie der Aal, die Bachforelle, Äsche Barbe und Nase mussten sich mit dem versiegenden Wasserlauf in den unteren Bereich der Archshöfer Tauber zurückziehen, wenn sie nicht verenden wollten. Beim Durchwandern des trockenen Tauberbetts fand man auch hin und wieder Schalenreste von verendeten kleinen Flussmuscheln. Sie war früher eine der häufigsten vertretenen Muschelarten. Heute nach dramatischen Bestandsrückgängen ist sie, deren lateinische Bezeichnung auch Unio crassus lautet, eine der international geschütztesten Muschelarten und mit ihren besonderen Kennzeichen kaum mit anderen Arten zu verwechseln. Ihre Nahrung besteht aus feinen organischen Schwebteilchen und Plankton, die sie aus dem Wasser filtert. Die Muschel gräbt sich mit dem vorderen Ende des Gehäuses in das Sediment des Lebensraumes ein, und den hinteren Teil mit der Ein - und Ausströmöffnung lässt sie ins Wasser ragen, um so an ihre Nahrung zu gelangen, was in diesem Teil der Tauber wohl nicht mehr möglich ist. Der Steinkrebs und der Flusskrebs sind weitere Bewohner dieser Flussregion, die ihre Bleibe verlassen mussten und auch bei vielen umgedrehten Steinen nicht gesichtet wurden. Nach ca. 500 Metern über Stein und Geröll erreicht man schließlich das Wehr in Archshofen. Durch den extrem niedrigen Wasserstand, der etwas über 40 cm unterhalb der Wehrkrone lag, wurde dem Betrachter klar, dass hier die Gewinnung von Energie gegenüber der Natur und dem Erhalt unserer heimischen Kulturgüter den Vorrang hat. Bedauerlicher Weise ist hier noch keine Durchgängigkeit im Gewässer vorhanden. Wir erinnern uns an unseren Ausgangsort in Creglingen, wo vor wenigen Jahren eine so genannte Fischwanderhilfe am Wehr angelegt wurde und auch bei Beobachtungen in den Ruhebereichen der Fischtreppe immer wieder durchziehende Fische beim Verweilen angetroffen werden. Am Creglinger Wehr wird zwar keine Wasserkraftnutzung betrieben, und man wüsste nicht, wie es aussehen würde, wenn dies so wäre, aber der Lebensraum unter und über der Wasseroberfläche ist für die Tier - und Pflanzenwelt nicht Artfremd und für uns als Einwohner oder die Gäste Creglingens mehr als nur ein schöner Anblick. Wir wandern weiter Richtung Holdermühle und erinnern uns, dass die Tauber im Raum Creglingen nahezu ganz zum Flora-Fauna-Habitat Gebiet gehört und deren Richtlinien zur Erhaltung der natürlichen Lebensräumen sowie unserer wildlebenden Tiere und Pflanzen beitragen sollen.

Auch der Biber hat auf der Suche nach einer neuen Heimat hier oberhalb von Archshofen seine Spuren hinterlassen und nicht jeder, dessen Grundstück und die darauf befindlichen Bäume die dieser Nager besucht hat, war über diesen Besuch erfreut, da der Biber in den Creglinger Überlieferungen aus früherer Zeit keinerlei Erwähnung findet, ebenso wie der seit wenigen Jahren immer wieder erscheinende Vogel des Jahres 2010, der Kormoran, von welchen uns beim Einlauf des Holdermühlkanals in die Tauber drei Stück über unsere Köpfe in Richtung Bayern flogen. Die Erkenntnisse auf dieser kleinen Wanderung durch das Taubertal von Creglingen zur Holdermühle vor Tauberzell haben uns gezeigt, dass wir nicht in benachbarte Länder oder gar weit weg liegende Kontinente schauen müssen,um die Zerstörung durch den Menschen zu suchen und anzuprangern, wir sollten im wahrsten Sinne des Wortes erst mal vor unserer eigenen Haustüre kehren. Im Hinblick auf die in unseren Flüssen und Bächen während der letzten 30 Jahre um ein vielfaches gesunkenen Wasserstände , und die derzeitigen Gedanken verschiedener Interessengruppen im Umgang mit der Energiegewinnung in Gegenwart und Zukunft gibt ein düsteres Bild für unsere heimische Tier- und Pflanzenwelt, vor allem unter der Wasseroberfläche, denn die sieht man ja nicht und Verluste tauchen nur selten auf und kommen ans Tageslicht, so dass sich jemand darüber aufregen kann.