Leserbrief

Wo bleibt die zweite Gesamtschule in der Stadt?

Zum Kommentar „Neue Wege aufzeigen“ vom 20. Mai:

Der Kommentar von Tatjana Junker („Neue Wege aufzeigen“) und der anschließende Artikel („Selbstvertrauen leidet enorm“) beschäftigen sich mit dem Thema „Alternative zum Gymnasium“. Dafür herzlichen Dank, großes Lob und Anerkennung. Alles, was Sie schreiben, ist korrekt und findet meine volle Zustimmung.

Ich kann das beurteilen, weil ich lange Jahre an der Gesamtschule in Mannheim (IGMH) unterrichtet habe. Diese Schulart, also die Integrierte Gesamtschule, könnte, zusammen mit der Gemeinschaftsschule, die meisten der von Ihnen genannten Probleme aus der Welt schaffen. Sehen Sie selbst:

1. Die leidige, jährlich gestellte Frage „Welches ist die richtige Schule für mein Kind?“ entfällt. Die Integrierten Schulen nehmen alle Kinder auf, ohne auf die Grundschulempfehlung (GSE) zu schauen. In der IGMH heißt es: „Alle Schüler, die zu uns kommen, sind die richtigen!“ Die Frage nach der „richtigen“ Schulart wird demnach gegenstandslos.

2. Kinder mit allen verschiedenen GSEs sitzen zusammen in einer Klasse. Schüler lernen von Schülern. Die Schule achtet darauf, dass die Mischung in einer Klasse stimmt.

3. Alle Kinder werden mitgenommen! Kein Schüler verlässt die Schule ohne Abschluss.

4. Alle Abschlüsse werden angeboten. Grundsätzlich kann jeder Schüler jeden Abschluss anstreben. Die GSE spielt dabei keine Rolle, nur die aktuelle Leistung zählt.

Besser informieren

Wer heute noch, wie die Konservativen (CDU, FDP, der Philologenverband mit seinen Gymnasiallehrern, der Beamtenbund und so weiter), zurück will zur verpflichtenden GSE, wie vor dem Jahr 2012, der sollte sich bitte einmal darüber informieren, was es mit dieser GSE auf sich hat: Sie hat keinen Prognosewert. Jede zweite GSE ist falsch! Sie dazu die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) aus 2003, auf der Seite 131.

Auf dieser „Grundlage“ werden ganze Generationen von Schülern in Deutschland seit Jahrzehnten in Schularten hinein sortiert, in die sie nicht gehören. Das sind nun nicht nur Erkenntnisse aus Studien wie PISA, sondern auch ganz exakt meine Erfahrung an der Gesamtschule. Jeder zweite Schüler entwickelt sich im Laufe der Jahre weg von seiner GSE, meist in eine bessere Richtung. Schüler mit Haupt- und Realschul-GSE machen Abitur.

Jeder zweite Abiturient der IGMH hat keine GSE für das Gymnasium erhalten. Vor ein paar Jahren hat eine Schülerin mit einer Hauptschule-GSE das beste Abitur der Schule mit einem 1,0-Schnitt gemacht. Welche andere Schulart kann das?

Ich frage mich schon seit Jahren, warum es nicht mehr von diesen Schulen gibt? Wer verhindert das? Die IGMH quillt über von Schülern. Jedes Jahr müssen Dutzende von Kindern abgewiesen werden, weil die Schule zu klein ist.

System auflösen

Wo bleibt die zweite Gesamtschule in Mannheim? Kann die Gemeinschaftsschule die Kinder alle auffangen? Wer beantwortet mir endlich einmal alle diese Fragen? Die hier genannten Ergebnisse aus Studien und meine Erfahrungen aus der Praxis passen so gut zusammen, dass es für mich keine Frage gibt: Die integrierten Schulen sind die Zukunft.

Erst wenn das gegliederte System aufgelöst ist, können wir von echtem Fortschritt in der Schullandschaft reden. Noch eine kleine Randbemerkung zum Schluss: Es gibt etwa 200 Länder auf der Erde. Nur 17 davon haben noch ein gegliedertes Schulsystem. Diese Länder liegen alle in Deutschland! (Jürgen Leonhardt, Mannheim)

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2QtoxgC