Leserbrief

Zum Thema Kunsthalle

Zigarrenkiste und Schuhschachtel

Die Würfel sind gefallen. Wir bekommen einen Hochbunker mit Tarnnetz als Kunsthalle. Die wenigen Fenster sind mit kupferfarbenem Außengehänge abgedeckt. Sogar Schilda ist überall - auch jetzt in Mannheim. Um diese fürchterliche Mischung aus Zigarrenkiste und Schuhschachtel aufzuhübschen, ist kein Trick zu billig.

Mit Täuschen und Tarnen soll der Widerstand von Bürgern ausgeräumt werden. Das gezeigte Siegermodell ist aus der Vogelperspektive zu betrachten. Großzügige Dacheinschnitte lockern die Kiste auf. Welch Verwöhnblick für Tauben. Wir flügellose Zweibeiner müssten uns eigentlich auf den Boden setzen und von der Tischkante hochschauen. Das wäre eine ehrliche Perspektive. Dies geht aber nicht, da das Modell ganz zufällig hübsch weit von der Tischkante aufgebaut ist.

Andere veröffentlichte Computerbilder simulieren einen Blick aus einem Hubschrauber über der Wasserturmfontäne. Bei einem abendlichen Frontalbild müsste der Betrachter im Fontänenbecken stehen bei vorher abgeholzten Randbäumen. Um mich von solcher Dreistigkeit nicht aufregen zu lassen, unternehme ich in Gedanken einen Spaziergang: vom Maritimhotel Richtung Jugendstilarkaden. Vor meinem inneren Auge sehe ich einen Hochbunker mit kupferfarbenem Tarnnetz. Alles rechte Winkel, irgendwie aus einem uralten Bauhaus-Stil Katalog abgekupfert.

Wer kann, geht vorbei

Das also ist anstrengungsloses Grundeinkommen. Und nähere ich mich diesem Ding, wird es unheimlich. Ich stehe unten, über mir ein Überhang mit Steilwand, gesichert von einer Art Steinschlagnetz. Wer kann, geht vorbei. Ich wechsle lieber auf die nicht bedrohliche andere Straßenseite und wache von meinem Alptraum auf. Fundamentalistische Gutmenschen werden jetzt aufheulen und rufen: Nein sagen ohne Vorschlag kann jeder. Daher mein Standpunkt, wohl eher zum Nachlesen für meine Enkel im Zeitungsarchiv.

Mannheim ist stolz auf seine vielfältigen kulturellen Eigenschaften. Von den Hugenotten über Jesuiten, vom Barock bis zur Moderne u.v. m. Sollte der Mitzlaffbau fallen, bitte keine rechten Winkel zwischen Jugendstilarkaden und Maritimhotel. Genial wäre ein Bauwerk im anthroposophischen Baustil als Pendant zum Rosengarten. Wer die bewusste Vermeidung von rechten Winkeln belächelt, sollte bedenken, dass die "AbbeEcken" der natürlichen Harmonie entsprechen (nirgends gibt es natürliche Treppenstufen). Mannheim ist ein Zentrum von Waldorfschul-Weltsicht (Kindergärten, Hochschule, Freie Schulen), multikulturell und von Schulanmeldungen geradezu überlaufen. Die Steiner'sche Anthroposophie gehört auch zu Mannheim.