Leserbrief

Zugewanderte müssen lernen, mit dem Heimweh zu leben

Für den Beitrag von Herrn Merey bedanke ich mich. Dass in realen Zahlen lediglich 420 000 der drei oder vier Millionen Türken in Deutschland für Erdogan die Stimme gaben, tröstet. Es tröstet aber nicht über die Tatsache hinweg, dass türkischstämmige Menschen in unserem Land alle politischen Freiheitsrechte genießen und trotzdem viele „ihrem“ Staatschef die Stimme gaben.

Aus eigenen Beobachtungen in unserer Stadt, in der unübersehbar viele ausländische Menschen leben, ist den festgestellten Benachteiligungen des Herrn Merey nichts hinzuzufügen. Sie sind real und auch beschämend. Trotz allem versuchen politisch Verantwortliche Veränderung zugunsten gelingender Integration herbeizuführen. Dass dazu ein sensibles Balancieren vonnöten ist – leider – um deutsche Wählerinnen und Wähler nicht in die Arme der AfD zu treiben, ist Realität. Herr Mereys Artikel enthält die Aussage, dass seine Tante, die in den USA lebt, sich als gut integriert fühlt. Seinem Vater sei es dagegen nie gelungen, sich als Deutscher zu fühlen.

Abgesehen von den derzeitigen, besorgniserregenden Entwicklungen in den USA ausländischen Menschen gegenüber, gibt es einen großen Unterschied zwischen den USA und Deutschland, der das unterschiedliche Gefühl erklärt: Die US-Amerikaner sind bis auf ihre Ureinwohner alle Zugewanderte. Sie alle mussten den Prozess vom Fremdsein zum Integriertsein bewältigen.

Die USA sind anders

Der Unterschied zu Deutschland ist: Sie waren dabei nicht allein. US-Bürger sind oft stolz auf ihre Herkunft und forschen, seit wann ihre Familien im sogenannten „Schmelztiegel“ leben. Sich fremd zu fühlen, ist eher den Minderheiten vorenthalten. Das ist ein Grund, weshalb sich die Menschen der einzelnen Volksgruppen eher zusammenfinden, als mühsam nach netten deutschen Mitmenschen zu suchen. Die gibt es nämlich auch.

Ein Weg aus dem Dilemma scheint mir Folgendes zu sein. Zugewanderte sollten lernen, für sich zu akzeptieren, dass diese Zuwanderung mit Kummer und Schmerz einhergeht. Dieser Schmerz umfasst, dass die eigene Heimat, das eigene Verwurzeltsein aufgegeben wurde. Es ist der Schmerz darüber, die Familienbande nicht mehr zu spüren, den Freund nicht mehr bei sich zu haben, das Rumtoben in dörflicher Umgebung nicht mehr zu haben oder den Sprung ins sommerlich-warme Mittelmeer. Es ist der Schmerz darüber, dass das eigene Land es nicht fertigbrachte, allen Menschen, die sich nach einem sicheren Einkommen, nach Wohlstand, nach Bildung und gleichen Rechten sehnten, dies alles bereitzustellen. Die eigene Heimat zu verlassen, ist eben nicht nur mit Hoffnung für ein besseres Leben verbunden, sondern mit Verunsicherung, mit Frust, mit Trauer um das Verlorene.

Erdogan schafft Verbindung

Meiner Meinung nach drückt das das Wahlverhalten der Türken in Deutschland auch mit aus: Erdogan zu wählen, schafft ein Stück Verbindung mit der Herkunft, der Heimat. Die Leser dieser Zeilen mögen sich fragen, weshalb eine Deutsche sich erlaubt, den türkischstämmigen Mitmenschen ihre Gefühle zu erklären. Ich fühle mich dafür kompetent. Denn meine Familie flüchtete aus der ehemaligen DDR. Noch vor dem Mauerbau. Deutlich musste ich erfahren, was es heißt, eine Fremde zu sein. Die immerhin aus dem gleichen Land, dem gleichen Kulturkreis stammt. Flüchtlinge kamen als Habenichtse an. Wenn sie sich mühsam eine Existenz schaffen konnten, reagierten „die Einheimischen“ nicht selten neidisch. Was schwerer wog: Um der Freiheit willen in den Westen zu flüchten, hatte auch einen hohen Preis: Den Verlust der Heimat, der Familienbeziehungen, des gewohnten Umfeldes. Kontakte zu halten war erschwert durch die unsäglichen Probleme im Postverkehr, auf den Transitstrecken, bei Reisen ins andere Deutschland.

Bis an sein Lebensende hat mein Vater um sein Elternhaus getrauert, das andere für wenige tausend Ostmark sich aneigneten. Die Trauer, der Schmerz über das Aufgegebene ist in jedem Menschen, der seine Heimat verlassen hat, aus welchen Gründen auch immer, ein Stück vorhanden. Das muss ausgehalten, integriert werden. In das neue Leben.