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"Das war wie im Krieg"

Archivartikel

Als die "Landshut" vor 40 Jahren auf dem Höhepunkt des "Deutschen Herbsts" von Terroristen entführt wurde, saß Diana Müll im Flugzeug. Die damals 19-Jährige hat ein Buch über die fünf Tage in Geiselhaft geschrieben. Im Interview spricht sie über das Erlebte.

Diana Müll klingt fröhlich an diesem Nachmittag im Herbst 2017. Viel Zeit hat sie eigentlich nicht für das Telefoninterview - sie hat gleich darauf noch einen Termin auf dem Münchner Oktoberfest. Derzeit ist die 59-Jährige eine viel gefragte Frau. Genau 40 Jahre sind vergangen, seit die "Landshut" von Terroristen entführt wurde - und Diana Müll war eine der Passagierinnen. Im Interview spricht sie dann doch ausführlich über die Erlebnisse, die sie in einem Buch verarbeitet hat.

Frau Müll, vor nun fast genau 40 Jahren sind Sie in Palma de Mallorca ins Flugzeug gestiegen, um nach Frankfurt zurückzufliegen. Sie waren damals 19 und hatten eine wilde Partywoche hinter sich. Den Flieger hätten Sie um ein Haar verpasst. Können Sie unseren Lesern beschreiben, was damals passiert ist?

Diana Müll: Wir waren eine Gruppe von sieben jungen Mädchen, die die Nacht durchgefeiert hatten. Der Besitzer einer angesagten Diskothek hatte uns alle für eine Woche eingeladen, weil jede von uns eine der Misswahlen gewonnen hatte, die er auf Mallorca veranstaltet hatte. Er hat uns immer als einen Haufen wilder Hühner bezeichnet - und am Tag des Abflugs waren wir besonders wild. Wir brauchten ewig, um uns von allen zu verabschieden. Als wir endlich am Flughafen ankamen, waren die Türen von unserer Maschine schon zu. Der Diskothekenbesitzer ließ dann aber seinen Einfluss spielen - er sprach mit dem Chef, und so gingen die Flugzeugtüren noch mal auf.

Das wäre heute undenkbar...

Müll: Allerdings, und das ist auch gut so. Denn mit uns kamen noch zwei Nachzügler an Bord, ohne kontrolliert zu werden: ein Mann und eine Frau. Die beiden stellten sich später als zwei der vier Terroristen heraus, die die "Landshut" entführten.

Und Sie dachten damals, Sie hätten Glück gehabt?

Müll: Genau, wir haben uns gefreut und sind laut lachend und Krach machend in den Flieger rein. Dann ging die Reise los, und kurze Zeit später war Essenszeit. Ich saß auf meinem Sitz, eine meiner Freundinnen stand im Gang, lehnte sich von hinten über meine Schulter und unterhielt sich mit mir. Der Mann und die Frau, die mit uns ins Flugzeug gestiegen sind, saßen mir gegenüber am Gang. Plötzlich sind sie aufgesprungen und haben meine Freundin dabei so brutal geschubst, dass sie nach vorn auf mein Essen gefallen ist. Dann sahen wir, dass der Mann eine Pistole in der Hand hatte. Auf uns wirkte das wie ein Streit zwischen einem Ehepaar. Ich dachte, der will jetzt seine Frau erschießen ...

An Terror haben Sie da noch nicht gedacht?

Müll: Nein. 1977 hat man von Flugzeugentführungen ja auch noch nichts gehört. Noch nicht mal die Erwachsenen hatten daran gedacht, und ich als 19-jähriges Mädchen vom Dorf erst recht nicht. Aber das hat sich schnell geändert, denn schon nach drei Minuten hatte Mahmud - so hieß der Entführer - sich das Mikro geschnappt und wie geisteskrank hineingebrüllt. Das Einzige, was ich verstand, war "hijacking". Zum Glück gab es aber die Stewardess Gabi Dillmann (heute Gabriele von Lutzau, Anm. d. Red.), die das Ganze ein bisschen für uns übersetzt hat.

Wie schnell haben Sie verstanden, worum es bei der Flugzeugentführung ging?

Müll: Dass sie mit der RAF zusammenhing, das wussten wir zunächst nicht. Ich hielt das für eine Geschichte zwischen Palästina und Israel. Dass es da eine Verbindung zur RAF gab, hätte ich nicht für möglich gehalten. Das wurde uns erst nach etwa zwei Tagen klar, als wir die Forderungen der Entführer hörten: zum einen war das Geld, zum anderen die Freilassung der Inhaftierten aus Stammheim. Da wusste ich dann auch, dass es allen Grund gibt, Angst zu haben. Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass der Staat diese Verbrecher rauslässt.

Konnten Sie sich mit Ihren Mitreisenden verständigen?

Müll: Zuflüstern ging nur in den eigenen Reihen. Ich werde oft gefragt, wen ich denn noch so kenne aus dem Flugzeug. Ich hab' mich immer gefragt, wie die Leute sich so eine Geiselnahme vorstellen - etwa als heiteres Beisammensein? Das war wie im Krieg! Man kannte nur die Leute, die bei einem saßen.

Also konnte sich zwischen den Passagieren auch kein Gemeinschaftsgefühl entwickeln?

Müll: Am Anfang probierten wir das noch mit Blicken. Natürlich dachten einige auch darüber nach, die Entführer zu überwältigen. Aber sie machten uns ganz schnell klar, dass das keine gute Idee war. Also saßen wir fünf Tage in ein- und demselben Sitz und mussten die Klappe halten. Meistens war es uns nicht mal erlaubt, zur Toilette zu gehen.

Haben Sie die Terroristen denn alle als gleichermaßen Angst einflößend wahrgenommen?

Müll: Mahmud war der Schlimmste. Ich sage Ihnen, wenn Sie dem in die Augen geschaut hätten, hätten Sie eine Gänsehaut gekriegt. Der hatte so grausame Augen ... Vor der Dicken, man muss sie sich vorstellen wie eine KZ-Wärterin, hatten wir auch panische Angst. Dann gab es noch die Kleine und einen, den wir den Schönen nannten. Die rammten dir immerhin nicht einfach mal im Vorbeigehen den Ellbogen ins Gesicht, so wie die anderen beiden. Aber natürlich waren alle grausam.

In Dubai stand das Flugzeug mehr als drei Tage in der sengenden Hitze, ohne Klimaanlage. Hinzu kamen die Enge - und die Angst vor den Terroristen. Welche Strategien haben Sie und die anderen Passagiere denn entwickelt, um damit umzugehen?

Müll: So etwas gab es nicht. Wir saßen da drin und mussten alles so hinnehmen, wie es kam. Aber das war ja auch ein Prozess, die Temperatur stieg ja nicht binnen Sekunden von 20 auf 60 Grad. Die Hygienesituation war auch katastrophal, aber wenn man Todesangst hat, wird das nebensächlich.

Das muss doch auch für Entführer anstrengend gewesen sein. Wie haben die das ausgehalten?

Müll: Das haben wir uns auch immer gefragt. Wir hatten ja immerhin die Möglichkeit, ab und an zu schlafen. Die hatten auf jeden Fall größeren Schlafentzug als wir.

Wie haben Sie das Lufthansa-Personal wahrgenommen? Vor allem die Stewardess Gabriele von Lutzau erwähnen Sie in Ihrem Buch immer wieder...

Müll: Sie war eine ganz wichtige Person für alle an Bord. Da waren wir uns alle einig. Sie hat Mahmud auch mal die Stirn geboten und hat Passagieren geholfen. Außerdem konnte sie sehr gut Englisch. Mahmud drohte ein paar Mal damit, sie zu erschießen - aber sie blieb stark. "Dann erschieß mich doch und sieh, wie du dann weiterkommst", sagte sie. Er ließ sie aber am Leben - er spürte wohl, dass er sie brauchte.

Ab Zypern ist dem Flugzeug eine Maschine der GSG-9 gefolgt. Haben Sie das mitbekommen?

Müll: Nein, das hat keiner mitbekommen. Ich hatte damals außerdem noch nie etwas von der GSG-9 gehört und hätte auch nicht gedacht, dass man ein Flugzeug von außen öffnen kann. Meine einzige Hoffnung war, dass die Entführer doch das Geld nehmen und uns freilassen würden. Aber dass sie nicht einfach aufgeben würden, war mir schnell klar. Ich bin auch heute noch der Meinung, dass die uns alle in die Luft gesprengt hätten.

Was war für Sie der traumatischste Moment an Bord der "Landshut"?

Müll: Es gab viele. Dieser Moment, in dem Mahmud mir die Pistole an den Kopf hielt und drohte, mich zu erschießen, war sicherlich einer der schlimmsten - genauso wie die Ermordung von Kapitän Schumann. Schrecklich waren aber auch Grausamkeiten, die ich am Rande mitbekam. Zum Beispiel sagten die Terroristen einer Frau, dass sie ihr Kind erschießen würden, bevor sie die Maschine in die Luft sprengen.

Hat die Ermordung des Piloten Schumann denn etwas verändert an Ihrer Gefühlslage?

Müll: Die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit waren danach noch größer. Der Pilot war tot, also derjenige, der uns hoch- und runterbrachte. Ich wusste damals noch nicht, dass das auch ein Copilot kann. Ich dachte, jetzt komm' ich nie mehr nach Hause.

Die große Frage, die sich auch heute noch stellt, ist ja: War es richtig von der Bundesregierung, nicht auf die Forderungen der Terroristen einzugehen? Wie haben Sie diese Frage damals beurteilt, wie beurteilen Sie sie heute?

Müll: Heute beurteile ich diese Geschichte gar nicht mehr. Damals war ich der Meinung, dass man den Forderungen nicht nachgehen konnte. Deswegen hatte ich auch irre viel Angst in der Maschine. Ich sagte zu meiner Freundin, dass ich nicht glaube, dass der Staat die RAF-Leute frei lässt. Es hatte so lange gedauert, um sie (darunter Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, Anm. d. Red.) zu fassen. Und die Regierung hatte sie schon für Hanns Martin Schleyer nicht freigelassen, weshalb sollte sie es dann für uns tun? Zum Schluss waren die Terroristen ja ganz zufrieden in der Maschine, weil es hieß, die Inhaftierten seien auf dem Weg von Stammheim nach Mogadischu. Da sagte ich zu meiner Freundin: "Ich weiß nicht, irgendwas stimmt hier nicht. Ich glaub' da nicht dran ..."

Sie wurden also misstrauisch, die Entführer aber nicht?

Müll: Ja! Ich fand es auch verwunderlich, dass viele Erwachsene in der Maschine das offensichtlich auch glaubten. Es wurde geklatscht, als die Nachricht bekannt wurde ...

Aber Sie hatten keinen Groll auf die Regierung, weil sie nicht auf die Forderung der Terroristen eingegangen ist?

Müll: Niemals, keine einzige Minute.

Wie sind Sie nach der Befreiung mit dem Erlebten umgegangen? Haben Sie gleich versucht, das alles zu verarbeiten?

Müll: Leider nicht. Wissen Sie, damals ging man ja auch nicht zum Therapeuten. Davon abgesehen war es sehr schwierig, jemanden zu finden. Also habe ich erst mal weitergemacht, als ob nichts gewesen wäre.

Auch der Co-Pilot Jürgen Vietor hat erzählt, dass er sich gleich wieder in die Arbeit stürzte und erst mal alles vergessen wollte...

Müll: Nun ja - bei manchen hat das besser geklappt, bei anderen schlechter. Ich wurde jedenfalls sehr krank und begann dann eine Therapie - vier Jahre später. Ich musste damals sehr lange nach einem Therapeuten suchen, der etwas mit Entführungsopfern anfangen konnte, war dann aber in besten Händen. Eine Stunde kostete 100 Mark, ich brauchte vier Stunden pro Monat - und hatte einen Lohn von 800 Mark. Die Kasse übernahm das nicht - das konnte ich nicht fassen. Ich habe mir sogar einen Anwalt genommen, aber erfolglos - so wurde die Rechnung nur noch größer.

Aus heutiger Sicht unvorstellbar...

Müll: Ja, das ist es. Als ich den Therapeuten nicht mehr bezahlen konnte, hat er mich dann trotzdem weitertherapiert. Das war meine Rettung - ohne die Therapie wäre ich heute nicht mehr hier. Der Verfolgungswahn und die Angstattacken - ich bin mir sicher, dass ich damals dem Selbstmord entgegengesteuert bin.

Wissen Sie, ob es anderen Passagieren ähnlich ging?

Müll: Unterschiedlich. Viele haben keine Therapie gemacht. Ich weiß von einem, der mit Alkohol Probleme bekam, ein anderer mit Drogen. Viele Ehen sind auch kaputt gegangen . . .

Haben Sie denn noch Kontakt zu anderen Passagieren von damals?

Müll: Nicht mehr mit vielen. Mit den Mädels, mit denen ich auf Mallorca war, habe ich noch Kontakt, mit Jürgen Vietor, Gabi von Lutzau und zwei Leuten von der GSG-9 - und sogar mit Jörg Schleyer (Sohn von Hanns Martin Schleyer, Anm. d. Red.). Der hat auch interessante Sachen erzählt - seine Familie wusste, dass sein Vater sterben muss, wenn wir frei kommen.

Ihren Eltern haben Sie aber bis heute nicht alles erzählt?

Müll: Nein, bis heute nicht. Natürlich haben sie immer wieder mal was mitbekommen - meine Mutter hat mich zum Beispiel auch beim Prozess gegen die Terroristin begleitet, die überlebt hat. Aber das Buch würde sie nicht lesen, das würde sie nicht verkraften.

Welche Bedeutung hat es für Sie, dass die "Landshut" wieder nach Deutschland zurückgekommen ist?

Müll: Eine riesengroße! Deswegen bin ich ja auch nach Brasilien geflogen und war nach der Rückführung der "Landshut" in Friedrichshafen. Dass die Maschine jetzt zurück in Deutschland ist und hier ausgestellt wird, bildet für mich einen Schlusspunkt hinter der Geschichte. (wo das Flugzeug auf einem Flughafen verrottete, Anm. d. Red.)