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Ein Leuchtturm verschwindet

Für viel Geld haben die Dänen ihr Wahrzeichen Rubjerg Knude Fyr sanieren lassen. Doch die Tage von Nordjütlands altem Wegweiser scheinen gezählt: Er steht auf einer Wanderdüne und verliert den Boden zu seinen Füßen schneller als erwartet.

Sie haben Glück“, sagt Jakob Kofoed, der das ganze Jahr über Besucher zu Europas größter Wanderdüne führt. „Windstille Sonnentage sind äußerst selten“. Die Brille, die er sonst als Schutz gegen den Sandsturm trägt, hat er heute zuhause gelassen. Vom Parkplatz im Landesinneren führt er die Besucher Richtung Meer. Lange vorbei sind die Zeiten, als man mit dem Auto direkt ans Meer fahren konnte. Dafür ist der Leuchtturm noch mehr ans Wasser gerückt. Zweihundert Meter war die Nordseeküste anfangs von ihm entfernt, heute sind es nur noch knappe zehn.

Wüten die Winterstürme an der Nordsee weiter und prasselt noch mehr Regen jährlich übers Land, schmilzt die Steilküste bei Hjørring weiter ab – schon jetzt jährlich um zwei bis fünf Meter. Umgekehrt wandert der Dünensand immer weiter Richtung Süden. Auf dem Weg zum Leuchtturm markieren Holzpfähle bereits, wie sich die Sandlinie in den nächsten Jahren voraussichtlich verschieben wird.

Ständig in Bewegung

Europas größte Sanddüne ist ständig in Bewegung. Viele Kilometer ist der Streifen eiszeitlicher Ablagerungen im Norden Jütlands breit, wo sich der feine Sand zwischen Lønstrup und Løkken immer wieder neu türmt. Die Häuser zu Füßen des Leuchtturms hat er alle überrollt. Zurückgeblieben sind nur noch Bausteine, die grob und klotzig aus dem feinen Sand ragen. Reste eines Museums zum Beispiel, das einst dem Flugsand gewidmet war.

Bis zu 100 Meter hoch türmen sich die Sandberge heute noch, deren Bedeutung gewichtiger ist als der romantische Leuchtturm, den man mittels einer neuen Treppe wieder besteigen kann. „Der Erdaufbau hier ist faszinierend“, sagt Jakob Kofeod, „die Gegend ein Hotspot für Geologen aus aller Welt“. Ein großes Foto hat er mitgebracht, das in vielhundertfacher Vergrößerung den feinen Sand als eine bunte Palette verschiedenster Gesteine zeigen. Ein Gemenge aus Erde, die am Ende der Eiszeit hier aufgeschichtet wurde.

Kofoeds Bekannte wohnten einst zu Füßen des im Jahr 1900 in Betrieb genommenen Leuchtturms. Sie gehörten zu den drei Familien, die das Leuchtfeuer garantierten. Alle 30 Sekunden sandte es einen langen weißen Lichtstrahl und anschließend zwei kurze Blitze Richtung Meer. Ein Signal, das bis zu 42 Kilometer weit wahrgenommen werden konnte. Schon ein gutes Jahrzehnt nach seiner Aufstellung aber türmte sich der Sand um das Bauwerk, das Häuschen des Wärters ging samt Brunnen verschütt. Immer wieder karrte man Sand mit Lastwagen weg. Den Kampf gegen die Düne, die von ständig neuem Ufersand gespeist wurde, aber hatte man längst verloren.

Als der Sand schließlich den Blick vom Meer auf den 23 Meter hohen Leuchtturm ganz versperrte, er also keinen Nutzen mehr hatte, gab man den Betrieb 1968 dann auf. Alle Versuche die Wanderdüne mit Kieferzweigen, die man in den Boden steckte, oder mit der Pflanzung von Strandhafer zu stoppen, scheiterten. 1980 eröffnete man in der ehemaligen Wohnung des Leuchtturmwärters ein sogenanntes Flugsand-Museum, doch auch das verschluckte wie gesagt die Wanderdüne kurz nach der Jahrtausendwende. Schon damals hatten die Behörden den Kampf gegen den Sand endgültig aufgegeben und das gesamte Gebiet um den Leuchtturm unter Naturschutz gestellt. Die Natur hatte gesiegt, der Mensch kapituliert, so schien es.

Nicht ganz, denn im Mai 2015 öffnete man den Leuchtturm für Besucher, zog eine neue Wendeltreppe in seinem Inneren ein. Das Glas ums alte Leuchtfeuer ziert inzwischen den Eingangsschalter eines neuen Museums rund zwei Kilometer weiter südlich. Im Hof des Strandaufsehers von Rubjerg erinnert eine alte Wetterfahne und ein ausgedienter Motor noch an die Anfangszeiten des Leuchtturms.

Den steten Wandel der Landschaft zeigt im Museum eine Bildinstallation, die ein Ventilator ergänzt. Beim Betrachten des Bildes aus der Eiszeit bläst er dem Besucher kalte Luft um die Nase, später unterstreicht er die Kraft des Windes, wenn die mittelalterliche Kirche auf dem Bildschirm vom Sand verschluckt wird. Die Reste ihrer Mauern finden sich ein paar hundert Meter weiter im Grünen. Neben einem Friedhof, dessen letztes Grab von 1898 stammt. Ein Stück weiter halten Eisenanker einen Grabstein aus der Wikingerzeit. Auf der einen Seite zeigt er ein christliches Kreuz, auf der anderen nordische Runen. Christus, beweist das Denkmal, traf hier einst auf Wotan – christliche auf germanische Kulte.

„In den vergangenen Jahren“, sagt Jakob Kofoed, „wüten Regen und Sturm hier immer häufiger“. Noch aber weiß niemand genau, wann das Ende des Leuchtturms gekommen ist. Seinem Sturz ins Meer wollen die Dänen auf alle Fälle zuvorkommen. So könnte er demnächst abgetragen und anderswo wieder aufgebaut werden. Vielleicht auf einer Insel in der Nordsee, die mit einer Hängebrücke Besuchern erschlossen werden soll. Noch aber fehlt dazu das Geld.