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Je weiter, desto länger

Archivartikel

Zwischen Wille und Wirklichkeit: Klimabewusst leben und trotzdem verreisen. Wie kann das zusammenpassen?Ein paar Regeln helfen das eigene Urlaubsverhalten nachhaltiger zu gestalten.

Was haben die Südseeinsel Palau, Mallorca und Ljubljana gemeinsam? Sie alle setzen auf Nachhaltigkeit. Die Republik Palau hat große Schutzzonen für Haie ausgewiesen und Sonnencremes verboten, weil die chemischen Inhaltsstoffe die Riffe schädigen. Mallorca wird im Sommer erstmals die Zufahrt zu der beliebten Halbinsel Cap Formentor sperren, um die Verkehrslawine einzudämmen. Und Ljubljana gilt als grüne Hauptstadt: Auf einen Einwohner kommen 500 Quadratmeter Grünfläche.

Das Trio hat längst keinen Exotenstatus mehr. Nachhaltigkeit spielt bei vielen Tourismusverbänden, Hotels und Reiseveranstaltern eine Rolle. Auch Konzerne wie Tui oder Thomas Cook ziehen sich das grüne Mäntelchen an. Doch gemessen an der Dringlichkeit des Themas etwa in puncto Klimawandel müsste die Branche viel mehr tun, schließlich „sägt der Tourismus an dem Ast, auf dem er sitzt“, warnte der Potsdamer Klimaforscher Prof. Hans Schellnhuber jüngst auf der Berliner Reisemesse. Die Folgen einer Erderwärmung für den Tourismus seien dramatisch: Strände etwa, Sehnsuchtsziel jedes Sommerurlaubs, verschwinden ebenso wie tropische Riffe. Küstenstädte wie Singapur, Venedig oder New York gehen unter.

Der Tourismus gehört zu den am schnellsten wachsenden Wirtschaftszweigen weltweit. Bis 2030 werden nach Schätzungen der Welttourismusorganisation fast zwei Milliarden Menschen jährlich über den Globus reisen. Schon jetzt verursachen die Touristenmassen in Feriengebieten viele Probleme: Wasserknappheit, Abfallberge, verbaute Landschaften. Dazu kommen prekäre Arbeitsverhältnisse, Überfremdung, Verlust der kulturellen Identität.

Also besser daheim bleiben? Das hält Klimaforscher Schellnhuber für utopisch: „Den Tourismus können wir genauso wenig stoppen wie das Heizen.“ Er fordert Maßnahmen in zwei Bereichen. Erstens: Flüge innerhalb Deutschlands und Europas sollten durch ein Hochgeschwindigkeitszugnetz ersetzt werden. Zweitens: „Kreuzfahrten, die größten Verschmutzer des Planeten, gehören verboten.“

Die schwimmenden Hotels erfreuen sich jedoch ungebrochener Beliebtheit, was dazu führt, dass dieses Jahr so viele Schiffe auf den Markt kommen wie noch nie. Dabei fehlt es zumindest den Deutschen nicht am Umweltbewusstsein. Die Mehrheit beteuert, dass der Urlaub „sozial verträglich, ressourcenschonend und umweltfreundlich“ sein soll, wie die Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen in Kiel ergab. Die Forscher konstatieren aber auch nüchtern, dass die Lücke zwischen nachhaltiger Einstellung und Verhalten weiterhin sehr groß sei. Die Möglichkeit, den Trip nach Malle oder an die Algarve bei Organisationen wie Atmosfair zu kompensieren, nutzt kaum jemand. Das Geld fließt in Klimaschutz-Projekte in aller Welt. 2018 wurden gerade mal zwei Prozent aller Flugreisen kompensiert.

Doch es tut sich auch etwas. Die seit Jahresbeginn protestierenden Schüler der Friday-for-Future-Bewegung scheinen die Sensibilität zu erhöhen. So jammerte die Reisebranche vor Ostern über einen „Greta-Effekt“ angesichts der unter dem Vorjahresniveau liegender Buchungszahlen für das Sommergeschäft. Das schwedische Mädchen, Vorreiterin der Friday-for-Future-Demonstrationen, verzichtet auf Flugreisen.

Auch der Stuttgarter Reiseveranstalter Travel of Life sieht positive Veränderungen: „Seit 1994 hat sich der Anteil nachhaltiger Reisen versiebenfacht“, freut sich Geschäftsführer Andreas Damson. Er ist Mitglied im Verband Forum Anders Reisen, in dem sich rund 130 Reiseveranstalter zu Nachhaltigkeit verpflichtet haben. Am Gesamtumsatz der Reisebranche ist deren Anteil mit unter zehn Prozent aber immer noch sehr überschaubar.

Reiseveranstalter des Verbands haben sich strenge Regeln auferlegt: Kurzreisen dürfen gar nicht angeboten werden. Fernreisen nur, wenn sie mindestens eine Reisedauer von zwei Wochen haben. Die klassische Mittelmeerkreuzfahrt fehlt im Katalog ebenfalls. Das Dilemma, dass für Fernreisen eine Umweltbelastung in Kauf genommen werden muss, können aber auch diese Reiseveranstalter nicht lösen. „Wir sind keine Nachhaltigkeitsfanatiker“, meint Damson und verweist auf die positiven Effekte des Tourismus.

Reisen ist für Damson auch ein „Friedensinstrument“, weil es zum Verständnis anderer Kulturen beiträgt und zudem die wirtschaftliche Situation eines Landes verbessern kann. In vielen Ländern Asiens und Afrikas schafft Tourismus Arbeitsplätze und bringt auch Menschen in Lohn und Brot, die nicht so qualifiziert sind, etwa als Fahrer, Träger oder Guide. Dass diese dann ordentlich bezahlt und internationale Arbeitsstandards eingehalten werden, sind ebenso wichtige Nachhaltigkeitskriterien wie Umweltverträglichkeit.

Rund 150 Gütesiegel zur Nachhaltigkeit

Doch wie breit und verbindlich ein Anbieter sich zur Nachhaltigkeit verpflichtet, ist für Verbraucher schwer zu erkennen. Es gibt rund 150 Gütesiegel mit unterschiedlichen Standards. Das Forum Anders Reisen verzichtet ganz auf ein eigenes Erkennungslogo, manche Mitglieder haben aber das TourCert-Zeichen. „Nur 30 bis 40 Gütesiegel kann man ernst nehmen“, meint Moritz Hintze, Gründer der Start-up-Plattform Bookitgreen, die nachhaltige Unterkünfte anbietet. Hintze hat 15 eigene Kriterien entwickelt, die vom Verzicht auf chemische Reinigungsmittel bis zur Nutzung von Öko-Strom und ökologischen Baustoffen reichen. Acht davon müssen erfüllt sein.

Wäre ein einheitliches Siegel sinnvoll? Prof. Claudia Brözel, Expertin für nachhaltigen Tourismus an der Fachhochschule Eberswalde, hält davon nichts. Sie fordert eine Informationspflicht für Hotels und Reiseveranstalter über die Einhaltung sozialer, ökologischer und ökonomischer Kriterien. „Wenn ein Hotel gezwungen ist, seine Gäste zu informieren, dass etwa Arbeitsrechte eingehalten werden, dann übt das automatisch Druck aus“, ist Brözel überzeugt. „Denn welcher Hotelier würde sich das Button anheften: Hier werden die Standards nicht eingehalten?“