Lifestyle

Mehr Natur, mehr Ruhe

Explodierende Mieten und Wohnungsnot in Ballungsgebieten, Staus und Terror im Ausland: Es gibt viele Gründe, auf Campingplätzen zu wohnen. Rentner, Familien und Berufstätige entdecken hier Vorzüge, die woanders verloren gegangen sind.

Gartenzwerge, Geranien und Gärtchen: Viele Dauercamper haben sich auf rheinland-pfälzischen Campingplätzen ein Idyll geschaffen. Manche wohnen hier auch im Winter, haben hier Briefkästen und fahren von hier aus zur Arbeit. „Das ist ein Boom“, sagt Christiane Kalteis vom Camping Wiedhof in Waldbreitbach im Westerwald. „Wenn einer sein Häuschen verkauft, geht es ratzfatz, dann liegen schon zehn Interessenten auf der Lauer.“ Jens Jacobi vom Campingplatz Neudahner Weiher in Dahn in der Pfalz bestätigt das: „Es gibt fast auf jedem Campingplatz eine Warteliste für Dauercamping.“

Gemeinschaftsgefühle

Reinhard Weckmüller, Rentner aus dem nordrhein-westfälischen Hagen, recht mit freiem Oberkörper unter einer Fahne des deutschen Kaiserreichs den Weg vor seiner Parzelle. „Früher wollte keiner auf dem Campingplatz wohnen. Heute ist das ganz anders.“ Die Ruhe am Flüsschen Wied sei traumhaft, die Gemeinschaft mit anderen Dauercampern gut: „Abends sitzen wir öfters draußen zusammen.“

Weckmüller werkelt seit sieben Jahren an seinem Holzhaus auf einer gepachteten Parzelle. Sein Nachbar Gert Hoffmann kontrolliert mit dem Handy seine mit Kameras ausgerüstete Wohnung in Köln – und von dort aus sein Holzhäuschen mit Erker an der Wied. „So schlafe ich ruhiger“, sagt der Ruheständler.

Camping boomt generell. Rund 550 000 Campinggäste hat das Statistische Landesamt 2006 in Rheinland-Pfalz gezählt. 2018 sind es mit etwa 950 000 schon fast doppelt so viel gewesen. Dauercamper weisen die Statistiker nicht eigens aus. Der Geschäftsführer des Bundesverbands der Campingwirtschaft in Deutschland, Christian Günther, sagt: „Wir gehen bundesweit von 260 000 bis 300 000 Standplätzen für Dauercamper und 230 000 touristischen Standplätzen aus.“ Dauercamper hätten demnach also die Nase vorne.

Nicht alle haben graue oder weiße Haare – es gibt auch jüngere Semester. Sergej Hasselbach (38), Schichtleiter bei einem Getränkehersteller, ist mit seiner Familie aus beruflichen Gründen nach Waldbreitbach gekommen. „Dass wir jetzt auf dem Campingplatz wohnen, war eine Schnapsidee“, sagt er auf seiner kleinen Terrasse neben gleich drei Grills auf der Wiese. Mit Möbeln und Spielzeug muss sich die vierköpfige Familie in ihrem Holzhaus etwas einschränken.

150 Quadratmeter groß

„Wir suchen von hier aus in Ruhe nach einem richtigen Haus, wollen aber auch unsere Parzelle behalten“, sagt Hasselbach. „Leben, wo andere Urlaub machen – das ist toll, nach der Arbeit hierher zurückzukommen.“ Seine Frau Nelly (35), Zimmermädchen in einem Hotel, ergänzt: „Hier können wir die Kinder einfach rumlaufen lassen.“ Die elfjährige Tochter Katharina sagt: „Hier haben wir viele Kinder zum Spielen, das ist schön.“

Laut Verbandschef Günther sind die Motive von Dauercampern vielfältig. Dazu zählten mehr Ruhe, mehr Natur und mehr Gemeinschaftsgefühl. Manche suchten bewusst ein Leben ohne viel Besitz, andere einen nahen Rückzugsort ohne viele Verkehrsstaus unterwegs oder gar Terror im Ausland.

Die Waldbreitbacher Campingplatz-Chefin Kalteis sagt: „Die Wohnsituation in Ballungsgebieten ist auch anders geworden. Wo kriegen Sie da heute noch eine vernünftige Erdgeschosswohnung mit Garten?“ Mindestens 150 Quadratmeter groß seien die Parzellen für Dauergäste beim Camping Wiedhof. „Die Pacht dafür liegt bei 1100 bis 1200 Euro pro Jahr, also rund 100 Euro im Monat.“

Flucht vor dem Klimawandel

Der Camping Wiedhof bietet laut Kalteis Dauercampern unter anderem TV-Kabelanschluss, frostsichere Wasserleitungen, individuelle Briefkästen und WLAN. Der Campingplatz Neudahner Weiher in der Pfalz verlangt nach eigenen Angaben rund 1400 Euro pro Jahr für eine mindestens etwa 100 Quadratmeter große Fläche. Im Winter ist er geschlossen.

Durchgängiges ganzjähriges Wohnen auf Campingplätzen ist juristisch verzwickt. Generell sollen sie dem „Erholungswohnen“ dienen. Laut Verbandschef Günther können Kommunen hier das ganzjähriges Wohnen dulden. Es sei aber langwierig, die entsprechenden Genehmigungen zu bekommen.

Maximal 50 Quadratmeter Grundfläche dürfen Häuschen auf Campingplätzen in Rheinland-Pfalz haben – plus zehn Quadratmeter Terrasse. Beim Camping Wiedhof zeigt sich eine große Mischung: in eine feste Behausung eingekapselte Wohnwagen, liebevoll gepflegte Holzhütten und sogar kleine Steinhäuser, dazwischen Wohnmobile. An Nachfolger werden Häuschen von Dauercampern meist für 5000 bis 30 000 Euro verkauft, je nach Ausstattung, weiß Christiane Kalteis.

Sie hat auch Fernpendler, getrieben vom Klimawandel: Karl und Renate Büsing, beide im Ruhestand, leben im Winter im süditalienischen Kalabrien und im Sommer bei ihr auf dem Campingplatz. „Im Sommer ist es uns da unten zu heiß geworden“, sagt Karl Büsing. „Hier kühlt es dann wenigstens nachts ab.“