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Nichts sehen, hören, sagen

Der investigative Sportjournalist Thomas Kistner weiß, dass beim Profifußball nicht alles Gold ist, was glänzt. Gezieltes Doping und organisierte Korruption trüben das Bild von glorreichen Talenten wie Messi und Ronaldo. Doch die Seifenblase wird platzen, ist sich der Redakteur sicher.

Lionel Messis Tricks, Cristiano Ronaldos Tore, und Thomas Müllers Lamento sind nicht direkt sein Metier, wohl aber die Vorgänge dahinter. Der 60-jährige Thomas Kistner hat Fußball zum Beruf gemacht. Allerdings steht er nicht auf dem grünen Rasen, sondern er ist als Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung mit den Geschäften um die Fußballprofis bestens vertraut. Für ihn hinkt die Bedeutung des Sportjournalismus dem Glanz und Gloria des Spitzensports meilenweit hinterher. „Viele Sportreporter betreiben einen Fankult für ihren Verein und ihre Stars. Das sorgt zwangsläufig dafür, dass der Sportjournalismus nicht so ernst genommen wird, wie es möglich und eigentlich notwendig wäre. Aber dafür müsste mit dem Stoff kritischer umgegangen werden.“ Kistners Domäne sind die Schattenseiten des Fußballs wie Doping und Korruption. „Schattenseiten? Nein, ich schreibe einfach nur über die Realität hinter dem Milliardengeschäft Profifußball.“

Kommerzieller Spitzensport ist heute das größte Unterhaltungssegment der Welt, Spiele der deutschen Nationalmannschaft strotzen vor patriotischer Energie. Ein Bundesligaspiel ist längst kein Wochenenderlebnis mehr. 25,5 Milliarden Euro soll der europäische Fußballmarkt in der Saison 2017/18 umgesetzt haben, mehr als 3,3 Milliarden Euro die erste deutsche Bundesliga.

Während Dopingfälle zu Radsport, Biathlon und Leichtathletik gehören, schütteln Fußballfans beim Thema „Doping“ energisch den Kopf. Für Kistner ein Scherz. „Gerade der Fußball, wo Geld keine Rolle spielt, soll dopingfrei sein? Wo die Fitness eines Spielers in der 89. Minute über Millionenbeträge entscheidet?“ In seinem Buch „Schuss. Die geheime Dopinggeschichte des Fußballs“ nimmt der gebürtige Karlsruher kein Blatt vor den Mund.

Neben Krankengymnastik und Yoga greifen Spitzensportler auch gerne mal zur Pharmazie. Eine von der Union of European Football Associations (UEFA) selbst in Auftrag gegebenen Langzeitstudie legt einen höheren Missbrauch von anabolen Steroiden im Spitzensport nahe: Von 4195 Urinproben aus den Jahren 2008 bis 2013 enthalten fast acht Prozent auffällig hohe Testosteronwerte, die auf Doping hinweisen und Folgenuntersuchungen nach sich ziehen müssten. Bei 879 untersuchten europäischen Spitzenfußballern ist das ungefähr ein Profi pro Team. Kein Einzelfall: Drei Spieler von Olympique Marseille berichten in ihren Biografien unabhängig voneinander vom exzessiven Dopingmissbrauch unter Präsident Bernard Tapie zu Zeiten des Champions-League-Gewinnes 1993. Ein nachweislich ausgeklügeltes Dopingsytem bei Juventus Turin Ende der Neunzigerjahre lässt die italienische Justiz fast folgenlos verpuffen. Die Omertà, das Schweigegelübde im Sport, ist noch schlimmer als bei der Mafia selbst, sagen erfahrene Kriminalfahnder. Alles spricht dafür, dass Doping zum Fußball gehört wie das Eisbad zur Regeneration. Das Problem: Gutes Doping ist nicht nachweisbar. Kistner schätzt den Anteil von Doping-Insidern im bezahlten Fußball auf bis zu 25 Prozent. „Noch in den Achtzigerjahren lag das Aufputschmittel Captagon offen in Umkleidekabinen herum. Toni Schumacher äußerte sich in seinem Buch ‘Anpfiff’ über gezieltes Doping mit Vitaminen, Elektrolyten und Kälberblutextrakten bei der Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 1986 – und wurde verbannt.“

Doping anno 2019 ist subtiler, effizienter. „Fußballer rennen nicht 90 Minuten lang mit Spritzen herum. Es wird nicht dauernd gedopt. Es geht um die ‘Big Points’ für jeden Einzelnen, sei es im Training, um im teaminternen Bewerb einen Stammplatz plus Einsatzprämien zu ergattern, bis hin zu Endspielen, wenn das große Geld winkt.“ Beim Doping werden Schwächen eines Spielers minimiert oder Stärken optimiert. „Wenn ich aus der Rekonvaleszenz zurückkomme, versuche ich mit Anabolika oder anabolen Mitteln, den Körper schnell fit zu spritzen. Das hilft und im Training wird kaum getestet.“ Die Anti-Dopingkontrolle ist für ihn eine Farce: „Kontrolliert wird nach dem Spiel, das weiß jeder Kicker. Ansonsten aber sind Spieler auch mal unauffindbar oder Proben verschwinden. Am Ende bleibt alles innerhalb der Fußballfamilie. Die Gefahr, auf Top-Ebene des Dopings überführt zu werden, tendiert gegen null.“

Legale Schmerzmittel

Doping-Doktoren haben für alles die richtige Medizin parat: für die Schnelligkeit, die Ausdauer oder die psychologischen Faktoren. Ein Paradies für Fußballer, die nur noch zugreifen müssen. Dabei sind die Risiken und Nebenwirkungen beim Doping verheerend und reichen bis zum Herzstillstand. Allen Unkenrufen zum Trotz liebt Kistner den Fußball. Bis heute ist er als Hobby-Stürmer im Verein aktiv und trainiert eine Jugendmannschaft beim TSV Tutzing. Wie reagiert die Fußballbranche auf seine Recherchen? „Es gibt grundsätzlich starke Vorbehalte innerhalb eines geschlossenen Systems, wenn jemand hinter die Kulissen blicken will. Aber das hilft, denn umgekehrt gibt es heute auch immer mehr in der Sportbranche, die ein schlechtes Gefühl plagt, und die wollen auspacken. Es gibt also eine Art natürlichen Ausleseprozess im Umgang mit Branchenangehörigen, und der wirkt eher bereichernd als störend.“

Seine Erfahrung: Je mehr Geld, desto weniger Fairplay. „Doping ist kriminell. Kein Spieler wird freiwillig Pharmaka einwerfen. Nur dann greift er zu Medikamenten, Blut- oder Gendoping, wenn er glaubt, dass er nicht mithalten kann oder dem Leistungsdruck nicht standhält.“ Statistiker von Sportdatenanbietern haben ermittelt: Pro 90 Minuten läuft ein Bundesligaprofi im Schnitt zehn bis elf Kilometer. Ein Spieler sprintet 800 bis 1300 Meter, beschleunigt 40 bis 60 Mal und ändert alle fünf Sekunden seine Laufrichtung. Dabei werden rund 1300 Kalorien verbrannt. „In der Superslowmotion sehen wir, wie ein Spieler dem Gegenspieler auf den Fuß tritt und sich dessen Fuß um 90 Grad verbiegt. Aber: Nach einer kurzen Behandlung sprintet er weiter wie eine Gazelle.“ Das Zauberwort: Schmerzmittel. Laut einer Studie bei der WM 2010 in Südafrika sollen 60 Prozent aller Fußballer regelmäßig Schmerztabletten eingenommen haben. Der Pharmakologe Fritz Sörgel hält diese Zahl nach wie vor für aktuell. Schmerzmittel, Asthma-Sprays und Cortison sind legitim, solange sie ärztlich angeordnet sind.

Schwarze Schafe

Aber wie lässt sich Licht ins Doping-Dickicht bringen? „Selbst wenn alles bis zum Himmel stinkt, kehrt man den ganzen Dreck unter dem Teppich, weil man als Fan die Fußballspiele genießen will. Die Fans wollen mit ihren Idolen träumen. Niemand sollte aber so blauäugig sein zu glauben, Dopingsünder seien nur ein paar schwarze Schafe auf der grünen Wiese.“ Sollte wirklich einmal etwas ans Tageslicht kommen, bleibt es in der Familie. Das Anti-Doping-Konzept des Fußball-Weltverbandes FIFA ist höchst umstritten. Die Tests werden nicht von einer unabhängigen Behörde kontrolliert, sondern von FIFA höchstpersönlich. Eine positive Dopingprobe landet laut Statuten direkt auf dem Tisch von FIFA-Präsident Gianni Infantino.

An ein Sommermärchen glaubt Kistner nicht. „Solange es nicht um die Existenz geht, wird alles unter Verschluss gehalten oder nach investigativen Strohfeuern unverblümt weiterkorrumpiert. Aber das System ist so angelegt, dass es sich eines Tages selbst zugrunde richtet. Wenn nicht jetzt, dann gibt es eben morgen eine Kettenreaktion, die sich gewaschen hat.“ Bis dahin gibt es für jeden Profi tausend Gründe, Doping abzustreiten. Mit seinem Gewissen und den möglichen Langzeitfolgen muss er selbst zurechtkommen, da hilft ihm kein Geld der Welt.