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Schöpfer im Schatten

Archivartikel

Ohne Übersetzer gäbe es im deutschen Buchhandel nur einen Bruchteil des Angebots. Doch trotz der anspruchsvollen Aufgabe wird ihre Arbeit kaum wahrgenommen und schlecht bezahlt. Dagegen geht die Branche nun vor.

Je mehr Mühe man sich gibt, desto schlechter ist die Bezahlung“, sagt Karin Betz. Sie ist Übersetzerin und hat das gleiche Problem wie viele ihrer Berufsgenossen: „Man wird pro Seite bezahlt und nicht nach Zeit.“ 15 Bücher hat die Sinologin in den vergangenen zehn Jahren übersetzt. Für Liao Yiwus „Die Wiedergeburt der Ameisen“ hat sie drei Jahre gebraucht, für jeden der dicken Science-Fiction-Wälzer von Cixin Liu mehr als ein Jahr. Die Übersetzerin, die auch Japanisch, Spanisch, Italienisch, Englisch und Französisch spricht, liebt ihren Beruf. „Mit Sprache und mit Kultur zu arbeiten: Ich habe da ein bisschen meine Berufung gefunden.“ Aber reich wird sie damit nicht. „Es ist schwierig, vom Übersetzen allein zu leben.“ Mit Preisgeldern, Stipendien und Nebenjobs kann sie ihre „prekäre Arbeitssituation“ aufbessern. „Übersetzer sind Urheber“, sagt Betz, „aber bei Verlagen laufen sie unter Herstellungskosten. Und die sollen so gering wie möglich sein.“

Es fehlt an Wertschätzung

„Übersetzer, die so oft übersehen werden, sind meine literarischen Alltagshelden“ – das hat die norwegische Schriftstellerin Erika Fatland gerade erst auf der Frankfurter Buchmesse gesagt. Doch weder Bezahlung noch Wertschätzung literarischer Übersetzer seien ausreichend, beklagt der Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ). Rund 1300 Mitglieder hat der Verband, nicht alle können davon leben. Eine Umfrage hat ergeben: Der durchschnittliche Jahresgewinn 2017 und 2018 lag unter 20 000 Euro – rund die Hälfte des Durchschnittseinkommens.

Vor fünf Jahren hat der Verband mit einigen Verlagen Vergütungsregelungen ausgehandelt. Die „Grundvergütung“ pro „Normseite“ liegt bei 19 Euro, Minimum sind 15 Euro, Maximum für besonders anspruchsvolle Übersetzungen 23 Euro. In der Praxis wird das aber nicht immer eingehalten. „Es sind vor allem die großen Konzerne, die gegen unser Recht auf angemessene Vergütung verstoßen“, sagt VdÜ-Sprecherin Christel Kröning.

Und die Honorare sinken: aktuell bekommen Übersetzer inflationsbereinigt im Schnitt 3,40 Euro pro Seite weniger als 2001. Dabei haben sie nach dem Urheberrechtsgesetz Anspruch auf eine „angemessene“ Vergütung. Der Bundesgerichtshof hat das in mehreren Urteilen bestätigt. Die meisten Übersetzer schrecken laut Verband aber davor zurück, dies einzufordern – vermutlich aus Angst, danach später keine Aufträge mehr zu bekommen.

„Wir haben eine Verantwortung“, sagt Übersetzerin Karin Betz, „für den Text und für den Autor.“ Leser – und Verlage – wüssten oft nicht, wie viel Arbeit in einer Übersetzung stecke. „Wortwörtliche Übersetzungen gibt es nicht. Ich übersetze nicht das Wort, sondern seine Bedeutung.“

Ihr Ziel ist: Der Text soll beim deutschen Leser die gleiche Wirkung haben wie beim chinesischen. Deswegen ringt sie um jede Vokabel, weiß aber auch: „Es gibt nicht die perfekte Lösung, es gibt nur eine Entscheidung, die auf meinem Gefühl für den Text und meiner Interpretation beruht.“

Eine Bühne für Sprachkünstler

Lesern dieses Ringen sichtbar zu machen – das will die Vereinigung „Weltlesebühne“. Eine ihrer Aktionen heißt „Der gläserne Übersetzer“. Übersetzer arbeiten dabei vor Publikum öffentlich an einer Übersetzung und diskutieren mit den Zuhörern über mögliche Lösungen.

Zur besseren „Sichtbarkeit“ von Übersetzern haben auch Auszeichnungen beigetragen wie der mit 20 000 Euro dotierte Paul-Celan-Preis: 2019 erhält ihn auf der Buchmesse die Italienisch-Übersetzerin Annette Kopetzki. Der Name des Übersetzers ist in den vergangenen Jahren vom Impressum auf der letzten Seite auf die innere Titelseite gewandert. Bei manchen Verlagen steht er sogar auf dem Cover. „Ja, die öffentliche Wahrnehmung ist besser geworden“, sagt Christel Kröning, „aber schlechter hätte sie auch nicht werden können.“

Karin Betz gehört zu den Übersetzern, die gern aus dem Schatten ihres Autors heraustreten und damit auch für das Publikum „sichtbar werden“. Immer wieder liest sie ihre Übersetzungen vor oder moderiert Veranstaltungen. Aber die Veranstalter lehnten ihr Angebot oft ab, erzählt sie. „Stattdessen werden häufig teuere Schauspieler bezahlt, die die chinesischen Namen nicht richtig aussprechen.“ dpa