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Und ab ins Netz!

Mit der Hand eine Flasche aufdrehen? Kann jeder. Der neueste Schrei in den sozialen Netzwerken: die Flasche per Fuß öffnen. Kampfsport-Erfahrung ist dabei von Vorteil.

In Stellung gehen, Ziel fokussieren, drehen – und kick! So klingt eine typische Bewegungsabfolge beim Kampfsport. Und bei der neuesten Challenge (englisch für Herausforderung) im Internet: der sogenannten „Bottle Cap Challenge“.

Prominente und Nicht-Prominente versuchen sich seit Wochen darin, eine Flasche per Fußkick zu öffnen. Die erfolgreichen Versuche stellen sie mit dem Hashtag #bottlecapchallenge in soziale Netzwerke. Allein auf Instagram liefert die Suche nach dem Hashtag mehr als eine Viertelmillion Treffer.

Mehrere Prominente, darunter etwa Jason Statham, John Mayer und Justin Bieber posteten in den vergangenen Wochen Videos ihrer „Bottle Cap Challenge“-Erfolge. Auch in Deutschland machen Prominente bei dem viralen Hit mit, darunter zum Beispiel Teenie-Idol Mike Singer und Marco Reus. Der Fußballer kickte – mit Schnuller im Mund – den Deckel von einer Babyflasche, sein Bundesliga-Kollege Robert Lewandowski vom FC Bayern öffnete eine Champagnerflasche mit dem Fuß.

Auch Tiere machen schon mit – neben zahlreichen Katzen zum Beispiel die Suchhündin Nala aus Niederösterreich.

Typische Technik

Die Fußkick-Bewegung, mit der die meisten die Flasche aufmachen, kommt nicht von ungefähr. Sie ist eine typische Kampfsportbewegung, zum Beispiel im koreanischen Taekwondo.

„Das ist die eingedrehte Technik mit Kick an den Kopf des Gegners aus der Drehung heraus“, erklärt Alexander Bachmann, Taekwondo-Weltmeister von 2017. Wenn man mit dieser Drehtechnik den Kopf des Gegners trifft, gebe es die höchste Punktwertung, erklärt er.

Den Deckel von der Flasche zu kicken sei – wenn man „ein bisschen zielen“ kann – nicht so schwer, meint Alexander Bachmann. „Du musst den Flaschendeckel mit den Zehen treffen, damit er den Spin bekommt“, analysiert der 24-Jährige. „Die Kunst ist es dann, den Deckel so zu drehen, dass er vom Flaschenhals fliegt.“ Um möglichst schnell Erfolg zu haben, empfiehlt der Taekwondo-Kämpfer vorher keine großen Sprünge zu machen: „Aus dem Stand ist es einfacher. Wenn da Anlauf mit ins Spiel kommt, wird es schwieriger.“

Ebenso wenig wie Anlauf brauche man die Arme. Auch wenn auf vielen Videos intensiver und dramatischer Arm-Einsatz zu sehen ist: „Die Arme spielen wenn überhaupt fürs Gleichgewicht eine Rolle“, sagt Bachmann. Heidi Klum löste das Gleichgewichts-Problem geschickt: Um bei der Challenge gar nicht erst ins Schwanken zu kommen, holte sie sich Unterstützung. Während sie mit High-Heels den Deckel von einer Wasserflasche löst, hält Modeberater Tim Gunn sie fest.

Tanzen und Todesopfer

Nach vielen anderen Challenges ist die „Bottle Cap Challenge“ im Moment der Hit im Netz. Zuvor schütteten sich etwa Teilnehmer der „Ice Bucket Challenge“ für den guten Zweck Kübel mit eiskaltem Wasser über den Kopf. Bei der „Plank Challenge“ machten Tausende an den ungewöhnlichsten Orten Fitnessübungen. Auch Tanz-Challenges wie der aus New York importierte „Harlem Shake“ waren Internet-Trends.

Zuweilen ging es auch über fröhliches Tanzen hinaus. Bei der „Choking Challenge“, die Medienberichten zufolge sogar Todesopfer forderte, fielen Teilnehmer absichtlich in Ohnmacht. Ein anderes Beispiel ist die „Tide Pod Challenge“, für die die Teilnehmenden auf Waschmittelkapseln bissen.

Seit ein paar Jahren schwirren immer wieder solche „Herausforderungen“ oder teils gar „Mutproben“ durch Instagram und Co.: „Es handelt sich um weitgehend sinnlose Aufgaben, die in der Regel eine gewisse Geschicklichkeit und/oder etwas Mut erfordern und die Aussicht auf witzige Videos bieten, die sich dann in den sozialen Medien verbreiten lassen“, definiert Uwe Hasebrink, Direktor des Leibniz-Instituts für Medienforschung Hans-Bredow-Institut in Hamburg.

Solche Challenges seien aber kein Phänomen der sozialen Medien. „Es ist ein Spiel, wie wir es von früher Kindheit an kennen: Wer schafft es, den Kirschkern in die Obstschale zu spucken?“, erklärt der Medienforscher. Spiele seien ein menschliches Bedürfnis, „eine zweckfreie Tätigkeit, bei der wir uns ausprobieren und mit anderen messen können, ohne dass es ,ernste’ Folgen für uns hat“.

Dies werde auch außerhalb der sozialen Medien gemacht – etwa auf dem Schulhof, bei Junggesellenabschieden, bei Kinderspielen, bei Stammtischfreunden und unter Arbeitskollegen, erklärt Uwe Hasebrink. „Der Unterschied, der mit der Verbreitung über soziale Medien verbunden ist, ist die potenziell hohe Reichweite, also die Aussicht, dass sehr viele Menschen Zeugen der eigenen ,Kunststücke’ werden“, sagt der Experte.

Taekwondo-Kämpfer Alexander Bachmann freut sich über genau diese potenziell hohe Reichweite und begrüßt die aktuelle Challenge – „eine coole Idee“. Auch wenn er nicht glaubt, dass die meisten Menschen Taekwondo mit der Challenge assoziieren, sei es eine gute Werbung für den Sport.