Lindenhof

Süd/Lindenhof Live-Hörspiel begeistert Zuhörer in der Lanz-Kapelle

Viel mehr als lesen und hören

Archivartikel

Es hätte alles so harmonisch sein können. Ein gemütlicher Nachmittag mit Tee und Marys Kuchen. Gedankenfroh könnte man sich auf die Geschichte „Fünf Frauen zum Fünfuhrtee“ einlassen, wäre da nicht – nein, nicht Corona –, aber dieses Bangen, das Anette Butzmann so eindringlich beschrieben hat. In der Lanz-Kapelle stellt die Autorin ihre Buch-Geschichten vor. Allerdings als Live-Hörspiel. Gelesen, gespielt und mit fantasievoller Dramaturgie untermalt.

Mal alleine, mal zusammen

Die Geräuschkulissen, das Knistern der Blätter, das Zerspringen von Eis, das Rauschen auf der Autobahn, all das ist mehr als Lesen, mehr als Hören. Das ist Spannung intensiv. Alleine ist das schwer zu schaffen und deshalb hat Anette Butzmann ihr Team gleich mitgebracht: die Schauspielerin und Sprecherin Marina Tamássy, den Pianisten und Ton-Kompositeur Johannes Sandros, dazu ihren Verleger und Sprecher Lothar Seidler. Es ist anregend die Menschen hautnah zu erleben, die sonst hinter den Kulissen sind und Geschichten zu hören, die im Tonstudio entstehen und erst als fertiges Hörbuch in die Buchhandlungen kommen.

Mal alleine, mal zusammen, gestalten die Akteure einen unterhaltsamen Abend; bei gekippten Fenstern und weit auseinanderstehenden Stühlen. Doch als Johannes Santos am Klavier mit „Ogives“ des französischen Komponisten Eric Satie einführt, ist Corona bereits vergessen. Man lauscht der stillen Musik und folgt Anette Butzmann in eine englische Wohnung. Schon ist es, als säße man mitten in der Teegesellschaft, sozusagen als Fünfte im Bunde, säße zwischen Mary, Lill, Jennifer und Gladys. Butzmann liest, dazwischen sind dank Technik die aufgeregten Stimmen der Damen zu hören. Sie wünschen sich etwas, aber wehe, wenn etwas Falsches ausgesprochen werden sollte. Das könnte bittere Folgen haben!

Ganz anders dann die Geschichte „Eiskasten“. Auch sie, bis auf den letzten Text des Abends, aus Butzmanns Buch „Eisblutgeschichten“. Gelesen wird sie von Marina Tamássy, die gekonnt mit Stimme und Augenspiel das unvorstellbare Stimmungsbild untermalt. Als Überleitung zum Vier-Personen-Stück „Du bist schön“ kommt das fantasieartige Musikstück von Claude Debussy, das „Prelude“, geradewegs richtig. Jetzt ist Vorstellungskraft gefragt, denn es scheint, als folgen die Sprechenden der spontanen Eingebung der Autorin, die 2014 mit dieser Dichtung für den Leipziger Hörspielsommer nominiert war. Die seelische Verfassung der Handelnden ist hier wichtiger als der Sinn. Versonnen sagt Seidler: „Über schweigenden Teppichen klappen die Beine langsam auf und zu.“ Und realistisch Tamássy: „Ich gehe mindestens drei Mal die Woche auf den Crosstrainer …“.

Während dieser abstrakte Text in den Köpfen der Gäste eine Collage hinterlässt, geht es bei „Dienstfahrt“ ganz wirklichkeitsnah zu. Als Solistin schlüpft Marina Tamássy in die Rolle der Karrierefrau, entwickelt Bilder voller Anspannung und Dramatik. Autogeräusche sind zu hören, der Fahrtwind, Telefonate mit dem Büro und irgendeinem Kunden an der Leitung, „Ich mach das. Das klappt“, die erdrückenden Termine, die Selbstgespräche. „Noch eineinhalb Stunden.“ Geräusche. Und dann…? Ruhe, Schweigen im Publikum. Und noch mal Satie als wohltuende Atempause.

Mit Witz und Selbstironie

Das Deckenlicht erlischt, ehe die fertige Hörspielproduktion „Friedhof“ dramaturgisch geschickt in die Dunkelheit eingespielt wird. Es ist ein surrealistisches Zwiegespräch zwischen einem Unglücklichen und dem Tod. „Psst, hören Sie das?“ „Was?“. „Die Stille…ich wünschte, es wäre immer so still.“ Doch am Ende des Abends bleibt es nicht so. Zum Abschluss liest Butzmann noch einmal selbst. Es ist ihr aktuelles Stück „Corona im Wind und zwischen den Bäumen“. Mit viel Witz und Selbstironie gesteht die Lindenhöfer Autorin, Buchhändlerin und Hörspielstudiobetreiberin ihre Wünsche. Anders als die „Fünf Frauen“ beim Fünfuhrtee, aber ebenso reizvoll.