Ludwigshafen

Kultur Audio-Projekt „Gespenster einer Stadt“ im Ernst-Bloch-Zentrum aufgeführt

Ein akustisches Denkmal für Ludwigshafen

Ludwigshafen.Zugegeben, es ist ein ungewöhnlicher Weg, den Christina Gehrlein und Fides Schopp gewählt haben, um Ludwigshafen zu dessen Kultursommer ein akustisches Denkmal zu setzen. Doch nach knapp einer Stunde dürfen die Interessierten, die an diesem Abend den Weg ins Ernst Bloch-Zentrum gefunden haben auch sagen: Es ist ein zutiefst hörenswerter.

Denn mit „Gespenster einer Stadt“ liegt keineswegs eine Bankrotterklärung für eine Stadt vor, die ihren Charme oft nur versteckt zur Geltung bringt: Es sind vielmehr packende Rätsel Ludwigshafens, die hier decodiert werden.

Exempel der Macht

Der Blick fällt dabei keineswegs auf Kleinigkeiten. Die Geschichte Rhein-Galerie etwa erzählen Gehrlein und Schopp nicht als Triumph, sondern als Exempel der Macht, die sie europaweit an einer Stelle vereinen, was in den Einkaufsstraßen längst epische Lücken reißt. „Betonbelag. Bodenmöbel. Leerstand.“ Wie schwere Regentropfen fallen diese Worte auf die Feldaufnahmen, die von Ein-Euro-Shops und Spielcasinos in der Innenstadt nicht nur erzählen, sondern den Klang des Verfalls auch hörbar machen. Ob die Zukunft, wie hier behauptet, wirklich nur zu Hause eingekauft wird und die Dame von heute wieder zur Hausfrau degeneriert, darf man zwar kontrovers diskutieren. Aber ohnehin setzen die beiden Tonkünstlerinnen Zweifel und Sorgen „wie ein Papierboot ins Wasser“ – und lassen sie treiben.

Treiben dürfen unterdessen auch die eigenen Sinne. In Timo Schusters Fotoausstellung „Utopie aus Industrie“ darf man zwischen stillgelegtem Mühlendasein und gleißendem Nachtflutlicht ein letztes Mal den optischen Wandel der Walzmühle vom Arbeitsplatz zum Einkaufsort verfolgen – bis einem die „Geschichte des Verstummens“ selbst ins Ohr dringt. Denn auch wenn Discjockeys wie Oliver Rack den Szeneort Walzmühle als „einmaligen Kristallisationspunkt“ der Party-Kultur am Rhein preisen, an dem 1994 sogar die erste „Time Warp“ die Spitzen des Old School-Techno zelebrierte: Die Geräusche der Mühlengänge, die zuletzt noch Tierfutter produzierten, erstickten sie.

Insofern sind die Audiocollagen von Christine Gehrlein und Fides Schopp an manchen Stellen durchaus auch kompromisslos bis zur Melancholie. Denn vom Weizen, der hier einst gemahlen wurde, um einen Mangel zu tilgen, ist hier nur noch die Berliner Schrippe übrig, die es beim Bäcker im heutigen Einkaufszentrum zu erwerben gibt. Der heutige Mangel, daran lassen die Macherinnen keinen Zweifel, ist einer an Wissen, das in Broschüren verstaubt, die kaum jemand zu Gesicht bekam. Vielleicht kann man die ambitionierte Serie der beiden Künstlerinnen auch so verstehen – dass sie selbst die Mühle wieder in Gang setzen wollen, um Klarheit zu schaffen, wo oft noch heute die mythischen Gespenster einer Stadt herumspuken. Ein mutiger Vorstoß, wie er sich denkwürdiger kaum präsentieren könnte.