Ludwigshafen

Zeitzeugenbericht Manfred Hoffmann hat die Bombennacht 5./6. September 1943 in Ludwigshafen erlebt / Der damals Zwölfjährige harrte in einem Luftschutzkeller aus

„Ein Angriff, wie wir ihn nicht kannten“

Archivartikel

Ludwigshafen.Die Nacht vom 5. auf den 6. September 1943 ist als schwerster Luftangriff des Zweiten Weltkriegs auf Mannheim und Ludwigshafen in die Geschichte eingegangen. Der heute 87 Jahre alte Ludwigshafener Manfred Hoffmann hat sie miterlebt. Bei Fliegeralarm harrte der damals Zwölfjährige mit seinen Eltern nicht im Bunker, sondern im Luftschutzkeller des Wohnhauses in der Wittelsbachstraße aus. Seine Erinnerungen schildert er dem „MM“:

„Als ich vom Luftschutzkeller hochkam und auf die Straße ging, sah ich beide Städte brennen – Ludwigshafen und Mannheim. Es war ein Angriff, wie wir ihn bis dahin nicht kannten. Viele Menschen, die in dieser Nacht ausgebombt wurden, mussten sich einen Weg aus ihren Kellern bahnen, über hohe Schutthalden. Manche mussten aus dem Notausgang klettern. Am nächsten Abend bin ich in die Ludwigshafener Innenstadt gegangen und habe das Ausmaß der Zerstörung gesehen. Fast alle Häuser lagen in Trümmern. Die Stimmung war beklemmend. Obdachlose bekamen eine Unterkunft bei Verwandten, Freunden oder auch fremden Menschen. Alle waren sehr hilfsbereit.

Am Abend des 5. Septembers war zunächst Voralarm gewesen, wie wir es nannten: ein langgezogener Sirenenton. Da sollte man den Luftschutzkeller oder den Bunker aufsuchen. Wenn sich die feindlichen Flugzeuge der Stadt näherten, ertönte ein Heulton, ein Auf und Ab der Sirenen – so wie in dieser Nacht.

Die Flugzeuge warfen vom 5. auf den 6. September überwiegend Brand- und Phosphorbomben auf die Stadt, die sofort in Flammen stand. Die meisten Menschen hatten nicht im Bunker, sondern im eigenen Luftschutzkeller Zuflucht gesucht, obwohl es in Ludwigshafen viele Bunker gab. Unserer war im Polizeipräsidium, nur rund 50 Meter entfernt. Aber wir kannten bis dahin nur kleinere Angriffe und hatten die Lage unterschätzt. Wir wohnten in der Wittelsbachstraße im Stadtteil Süd, in einem Mehrfamilienhaus mit sechs Parteien. Dort saßen wir zusammen im Keller, ungefähr 15 Personen. Meine Eltern hatten einen kleinen Koffer dabei, mit den notwendigsten Unterlagen und einigen Wertsachen. Während meine drei Brüder in den Krieg ziehen mussten, war mein Vater zu alt. Erst ganz am Schluss wurde er noch zum Volkssturm eingezogen. Aber alle kamen wieder nach Hause. Das war damals wirklich großes Glück, wie es viele Familien nicht hatten.

Unser Haus wurde am 5. September nicht getroffen. Aber jeder hat in dieser Nacht gesehen, wie schwer die Angriffe sind – so schwer, dass Ludwigshafen abgebrannt ist. Nur die Randbezirke haben wenig abbekommen. Vorher hatte man keine Angst. Danach rannten alle Leute bei Alarm in die Bunker. Das war gut so, denn am 1. Februar 1945 sollte die Wirkung der Bomben noch viel stärker sein. Dieser Angriff ist heute nicht mehr so in Erinnerung, da schon viele Ludwigshafener weggezogen waren. Aber für mich war es der schwerste. Er dauerte ungefähr 45 Minuten, es wurden Fünf- und Zehn-Zentner-Sprengbomben eingesetzt. Er kam so schnell, dass wir es nicht mehr in den Bunker, sondern nur in den Keller schafften. Dort war jeder einzelne Bombeneinschlag in Form einer heftigen Erschütterung spürbar. Wir haben ein Vater-Unser nach dem anderen gebetet.

Als der Alarm vorbei war und wir rauskamen, stand unser Haus noch. Nur im Treppenhaus lagen Staub und von den Wänden abgeplatzter Putz. Doch zwei Nachbargebäude waren getroffen worden. Die Feuerwehr war auch schon da, und ich half beim Löschen. Doch plötzlich mussten die Männer abrücken. Sie hatten den Befehl erhalten, wichtige öffentliche Gebäude zu schützen. Und so griffen kurz darauf die Flammen auch auf unser Haus über. Es brannte komplett nieder.“

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