Ludwigshafen

Soziales Alphabetisierungs-Bündnis gegründet / Selbsthilfegruppe als treibende Kraft

„Erhebliche Nachteile im Alltag ausräumen“

Ludwigshafen.„Wir wollen ohne Angst zu den Ämtern gehen, Bücher und Zeitungen lesen und unseren Kindern bei schulischen Problemen helfen können“, sagt Sirikit Schorer. Lange hatte sie im Alltag verborgen, dass sie nicht richtig lesen und schreiben kann. Durch eine Psychologin war sie auf Alphabetisierungskurse bei der Volkshochschule (VHS) aufmerksam geworden. Andere Mitstreiter der Selbsthilfegruppe Analphabeten Ludwigshafen/Mannheim konnten dadurch beruflich Fuß fassen. Einer verdient nun sein Geld als Lagerfacharbeiter, eine andere als Altenpflegerin. Damit noch mehr Betroffene von den Unterstützungsmöglichkeiten erfahren, hat sich am Freitag das „Alfa-Bündnis Rhein-Neckar“ gegründet.

Alltagsbegleiter gesucht

Partner sind unter anderem das Job-Center, die Stadtbibliothek, die IHK Pfalz, der Verein Kulturparkett Rhein-Neckar und die Abendakademie Mannheim. Die BASF unterstützt das Projekt finanziell. Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD), die sich mit Sozialdezernentin Beate Steeg (SPD) in die Unterstützerliste eintrug, bezeichnete das Netzwerk als gesellschaftlich wichtig. „Viele schämen sich, dass sie nicht richtig lesen und schreiben können, und haben dadurch starke Nachteile im Alltag, die ausgeräumt werden sollten.“

Die Volkshochschule bietet deshalb Schulungen für Firmen und Einrichtungen an, wie man Analphabeten besser erkennen und ansprechen könne, so die Leiterin Stefanie Indefrey. Dringend gesucht seien Alltagsbegleiter für die Betroffenen. Generell will das neue Bündnis mit Veranstaltungen stärker auf die Angebote hinweisen. Die Beigeordnete regte eine Kooperation mit einem Seniorenzentrum an. „Auch für viele Ältere ist dies ein wichtiges Thema, im Alltag haben sich einige gewissermaßen durchgemogelt.“

Bundesweit können 6,2 Millionen nur unzureichend lesen und schreiben, zitierte VHS-Kursleiterin Elfriede Haller eine Studie der Universität Hamburg. Demnach sind 58 Prozent männlich und 62 Prozent erwerbstätig, etwa als Helfer in der Nahrungsmittelbranche, im Bau- oder Reinigungsgewerbe. In Ludwigshafen wird ihre Zahl auf etwa 15 000 geschätzt. Alphabetisierungskurse bietet die Volkshochschule regelmäßig seit 1978 an.

„Die Selbsthilfegruppe hatte das Bündnis initiiert“, lobte die Oberbürgermeisterin den engagierten Kreis, der sich vor 16 Jahren gegründet hatte und auch schon bei Bundes- und EU-Projekten mitwirkte. Die Gruppe mit etwa 15 Mitgliedern trifft sich jeden ersten Mittwoch um 17.30 Uhr in der Volkshochschule. Sie hilft nicht nur bei Problemen im Alltag, sondern verfasst auch ein Lesebuch mit kleinen Episoden aus Ludwigshafen. Ihr Ziel: „Unser Beispiel soll andere ermutigen.“