Ludwigshafen

Das Gespräch Der in Mannheim geborene Schauspieler Richy Müller über sich und seine Rollen / Zwei Werke mit ihm auf dem Festival des deutschen Films

„Es geht immer um das Leben selbst“

Archivartikel

Die Antwort kommt schnell und entschieden. Nein, sagt Richy Müller, er sei nicht im alten Porsche vorgefahren. „Das Auto gehört dem Südwestrundfunk“, fügt er im Gespräch im Ludwigshafener Europa-Hotel hinzu, wo er als Gast des Festivals des deutschen Films übernachtet hat. Überhaupt betont der in Mannheim aufgewachsene Schauspieler die Differenz zwischen sich und seinen Rollen. Auch der Stuttgarter „Tatort“-Kommissar Thorsten Lannert sei für ihn nur eine Variante der schauspielerischen Aufgabe, eine Figur zum Leben zu erwecken.

Allerdings hat auch Müller ein Faible für schnelle Autos; er fährt in der Freizeit Rennen, und er besitzt auch einen Porsche. Was aber den Charakter angeht, bleibt es dabei: „Es gibt keine Ähnlichkeiten“, sagt Müller, der gleich in zwei Filmen mitspielt, die auf dem Festival laufen – im jüngsten Stuttgarter „Tatort“ („Der Mann, der lügt“) sowie in der ebenfalls vom SWR produzierten Tragikomödie „Schöne heile Welt“.

Seinen Lannert nennt er korrekt, unbestechlich, zudem wisse der, wann es angebracht sei, mal ein Auge zuzudrücken. Ob er auch rebellisch sei, also den Wesenszug trage, der Müller als Schauspieler lange anhaftete, nachdem er in der Verfilmung von Leonie Ossowskis Roman „Die große Flatter“ im Jahr 1979 bekanntgeworden war? Auch hier ein Nein. So sieht Müller die Rolle nicht, die er in wesentlichen Punkten selbst konzipieren konnte. Aber vielleicht ist er es ja auch nur leid, wieder auf den Rebellen angesprochen zu werden, hat er doch schon vor Jahrzehnten gesagt, das sei endgültig Vergangenheit, und für ihn gelte es jetzt, sich als Charakterdarsteller zu etablieren.

Auch freudvolle Seiten

Dafür gab ihm nun auch der von Gernot Krää inszenierte Spielfilm „Schöne heile Welt“ Gelegenheit. Müller spielt darin einen mürrischen Langzeitarbeitslosen, der seine Mitwelt auf Distanz hält, zurückgezogen lebt und gerne auch mal ausländerfeindliche Sprüche klopft; durch den Kontakt mit einem afrikanischen Jungen entdeckt er dann wieder, dass das Leben auch gute, freudvolle Seiten hat. Als einen Kommentar zur Flüchtlings- und Integrationsdebatte will Müller den Film übrigens nicht sehen, schon gar nicht als Lehrstück dafür; der Film sei ja auch schon früher geplant gewesen. Wichtig sei hier doch der allgemeine menschliche Aspekt. „Ein Film über zwei Menschen und Zusammenhalt“, so charakterisiert er ihn.

Schauspielerische Vorbilder hat Müller nie gehabt. Als Kind habe ihm Clint Eastwood imponiert, das sei alles. Er habe rasch gemerkt, dass es allein um sich und die jeweilige Rolle gehe. Vom Nacheifern hält dieser Mann nichts, der entschieden spricht und dem seine durchtrainierte Figur auch dann Nachdruck verleiht, wenn er einem gegenübersitzt. Das bestätigt sich, wenn das Gespräch auf das Theater kommt.

Im Kammertheater in Karlsruhe ist er im Herbst erneut in „Rain Main“ zu sehen. Müller verkörpert jenen Autisten, den in der bekannten US-amerikanischen Verfilmung Dustin Hoffman spielte. Die Frage aber, ob dies womöglich befangen mache, weist er barsch zurück. Sein eigener Zugang sei gefragt. Basta.

Nur noch selten in der Region

So viel Nähe zwischen Richy Müller und seinen Rollen gibt es dann doch, denn auch in jenen tritt der Darsteller oft entschieden auf und wirkt gerne ruppig. Was verbindet ihn übrigens noch mit Mannheim? Er habe einige Freunde dort, die er gelegentlich treffe. Seit sein Vater aber vor sechs Jahren gestorben sei, der zuletzt in Ilvesheim lebte und den er erst spät noch lernte, richtig zu verstehen, komme er nur noch selten hierher. Im Chiemgau lebt Müller, was bestätigt, dass er den schönen Seiten des Lebens etwas abgewinnt.

Auch dies lässt sich oft in seinen Rollen wiederfinden: Typen sind das, die wissen, dass es nicht nur Arbeit gibt – und die ganz sie selbst sind. Richy Müller kann man ebenfalls so sehen. Wie hatte er noch weiter auf die Frage nach den Vorbildern reagiert? „Nacheifern bringt nichts. Das ist wie im Leben.“ Es gehe nicht darum, nach etwas zu streben. Es gehe um das Leben selbst – darum, es zu genießen, als solches wahrzunehmen. Diese Ehrlichkeit ist Hans-Jürgen Müller, der seinen Ruf- und Rollennamen in „Die große Flatter“ als Künstlernamen übernahm, wichtig. Wenn er darauf im Gespräch pocht, dann mag das noch heute ein wenig rebellisch wirken.

Kein Zweifel, Müller gefällt, was er macht. Und folglich hat der 62-Jährige, der jünger wirkt, als er ist, noch längst nicht den Ruhestand im Blick. „Solange ich mich bewegen kann und gefragt bin, mache ich weiter“, sagt er noch, und er wirkt auch dabei so glaubwürdig wie in seinen Rollen.

Info: Fotostrecke und Dossier: morgenweb.de/kultur