Ludwigshafen

Lebensmittel Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt der Chemiker Heinrich Schlinck in Ludwigshafen das „Palmin“

„Großer Wurf“ mit Kokosfett

Ludwigshafen.Einer der ältesten und erfolgreichsten deutschen Markenartikel aus „exotischen“ Rohstoffen wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Ludwigshafen entwickelt – das Kokosfett „Palmin“. Erfinder war der Chemiker Dr. Heinrich Schlinck (1840-1909), der 1850 mit seiner Familie um den Eisenbahnbediensteten und späteren Direktionsrat Philipp Franz Schlinck aus Frankenthal zugezogen war und nach dem Studium bei dem legendären Professor Robert Wilhelm Bunsen (1811-1899) an der Universität Heidelberg im Jahr 1866 mit seinem Schwager, dem Kaufmann Alexis Rutsch, sein kleines Laboratorium zwischen Ludwigshafen und Friesenheim zu einer Feinöl-Raffinerie und Fabrik für Futtermehl ausbaute.

Jahrelang experimentierte Schlinck, der 1870 in seiner jungen Fabrik bereits 14 Angestellte und 30 Arbeiter beschäftigte und Kunden in Hessen und in der Pfalz belieferte, mit verschiedenen Grundstoffen zur Herstellung von Speisefett – dann gelang ihm der „große Wurf“: Schlinck entdeckte die vor allem in der tropischen und subtropischen Südsee heimische preiswerte Kokosnuss („Kopra“) als Grundstock für ein ergiebiges Speisefett. Mit der Mannheimer Firma P. Müller und Söhne, deren Teilhaber er wurde, brachte er schließlich ab 1887 die „Cocosnußbutter“ in schweren 15-Kilo-Eimern auf den Markt.

Patent seit 1882 besessen

Doch mit seiner Kokosbutter, für die er seit 1882 ein Patent besaß, handelte er sich bei den heimischen Bauern Ärger ein: Die Landwirte wehrten sich gegen den Begriff „Butter“, den sie allein mit Milch als Grundstoff akzeptieren wollten. Schlinck lenkte ein und taufte sein inzwischen weithin erfolgreiches Produkt 1892 in „Palmin“ um. Seine Ludwigshafener „Fettfabrik“ hatte er nach dem Ausstieg von Schwager Alexis Rutsch aufgegeben und bereits 1879 Werksanlagen und Gelände an die BASF verkauft. Von 1897 an war der Ludwigshafener Chemiker Alleininhaber des noch kleinen Mannheimer Unternehmens und verkaufte seine mittlerweile weltbekannte Erfindung unter dem Produktnamen „Dr. Schlincks Palmin 100 % Cocosfett“.

Einen Riesenschritt nach vorne vollzog Schlinck, als er 1898 das Kokosfett erstmals in Form von handlichen Tafeln auf den Markt brachte – sie haben seitdem ihre Form nicht mehr verändert. Die Stadt Mannheim stand Pate für die „Optik“ der Palmin-Tafeln: Der Schriftzug stellt die Wolfsangel aus dem Mannheimer Wappen dar. Schlinck war auch auf anderem Gebiet seiner Zeit weit voraus. Er startete um die Jahrhundertwende 1900 eine aufwendige Werbekampagne, ließ aus Werbeautos deutschlandweit Kostproben seines „exotischen Fetts“ verteilen und gab ein „Koch- und Haushaltsbuch für den einfachen Haushalt“ heraus.

Sehr beliebt in dieser Zeit waren auch Sammelbilder. „Palmin“ gab für Jung und Alt weit über 400 Serien heraus. Renommierte Künstler wie Ivo Puhonny (Karlsruhe) oder Ludwig Hohlwein (München) schufen mit diesen Serien eine neue Art der Werbung für Konsumgüter. Als das Mannheimer Unternehmen seinen Sitz 1908 nach Hamburg verlegte, gab es eine bescheidene Jahresproduktion von 360 Tonnen Kokosfett. Zwei Jahre später wurde bereits die Ernte von sechs bis sieben Millionen Kokospalmen in Hamburg zu 8500 Tonnen Speisefett verarbeitet. Auch heute noch ist Palmin in aller Munde – die Ludwigshafener Erfindung hat sich längst bezahlt gemacht.

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