Ludwigshafen

Serie Erste Frauenministerin in Rheinland-Pfalz blickt zufrieden auf ihre Pionierrolle zurück und besucht nun Theologievorlesungen

Jeanette Rott-Otte

Ludwigshafen.Für Aufsehen hat ihre Berufung in das Amt 1991 gesorgt – aber auch für Hohn und Spott. Die herbe Kritik hat die erste Frauenministerin in Rheinland-Pfalz hat die 72-Jährige nicht vergessen. Aber mittlerweile kann die Gartenstädter besser damit umgehen. Zumal ihr Fazit auf die Pionierrolle in Mainz insgesamt positiv ausfällt. „Es waren sehr gute Jahre in Mainz, denn für die Frauen haben wir viel bewegt“, sagt die Sozialdemokratin. Die zierliche Frau mit den wachen Augen verstand sich dabei nicht als Feministin, sondern mehr als Gewerkschaftlerin.

„Wir haben erreicht, dass Notrufeinrichtungen für Frauen bezuschusst und Frauenhäuser stärker gefördert wurden“, nennt Rott-Otte Beispiele. Zudem brachte sie das Landesgleichstellengesetz auf den Weg, das indes erst nach ihrem Ausscheiden als Ministerin verabschiedet wurde. „Wir mussten damals viel Überzeugungsarbeit leisten“, erinnert sie sich an heftige Debatten – auch in der „eigenen Gewerkschaft“.

Teilzeitstelle als Chefsekretärin

Gleichwohl räumt sie ein, dass sie durch Unerfahrenheit im Amt so manchen Sturm der Entrüstung ausgelöst hatte – etwa durch die Überlegung, das „Vater unser“ durch das Wort Mutter zu ergänzen. „Ich habe es nie gefordert, sondern hätte ein solches Vorgehen der Kirche nur begrüßt. Diese Feinheiten sind in der Diskussion untergegangen.“

Insgesamt blickt sie aber zufrieden zurück, auch weil sie die Themen Wiedereinstieg in den Beruf und Teilzeitarbeit vorangebracht habe. Dies war auch der Ausgangspunkt für ihr politisches Engagement. Als die Chefsekretärin beim Chemieunternehmen Giulini 1967 eine Tochter bekam, gab sie nicht – wie viele andere Frauen in jener Zeit – die Berufstätigkeit auf, sondern suchte eine Partnerin, die ebenfalls halbtags arbeiten wollte. „Das war ein Novum, hat aber gut geklappt.“

Ihre schlechten Erfahrungen bei der Kinderbetreuung trugen dazu dabei, dass die Betriebsrätin bei Giulini in die SPD eintrat. Auch wenn ihr Großvater Adam Folz den SPD-Ortsverein Maudach mitbegründete und sie in einer sozialdemokratischen Familie aufwuchs, wollte sie sich in der Jugend nicht politisch engagieren. „Mein anderer Großvater verlor durch seine politische Tätigkeit die Arbeitstelle. Zudem starb er kurz nach seiner Wahl in den Stadtrat“, erzählt die 72-Jährige.

Apropos Stadtrat: Jeanette Rott-Otte war Vorsitzende des großen Ortsvereins Gartenstadt, der SPD-Frauen in der Pfalz und des DGB-Landesfrauenausschusses – aber nie Mitglied im Kommunalparlament. Einmal hatte sie es versucht, war aber gescheitert. Zumal sie erst auf Platz 57 der 60-köpfigen SPD-Liste nominiert wurde.

Überraschender Anruf

Einige Jahre später hatte sie innerparteilich mehr Erfolg. Sie setzte sich gegen drei Bewerber um die Landtagskandidatur durch. „Dabei gaben wohl die Stimmen der SPD-Frauen im Landkreis den Ausschlag“, sagt Rott-Otte rückblickend.

Völlig überraschend erhielt sie 1991 einen Anruf vom damaligen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Rudolf Scharping. Dieser fragte sie, ob sie das neue Frauenministerium übernehmen wolle. Nach kurzer Bedenkzeit sagte sie zu. Weil das Ministerium mit 48 Mitarbeitern stets kritisch beäugt wurde, beschloss Scharpings Nachfolger Kurt Beck 1994, es als Abteilung in das Familienministerium einzugliedern.

Rott-Otte wurde Staatssekretärin, nahm nicht mehr an Kabinettssitzungen teil, behielt aber ihre 48 Mitarbeiter, zu denen sie teilweise heute noch Kontakt hat. 1996 schied sie aus der Landesregierung aus und kehrte als Abgeordnete in den Landtag zurück, bevor sie sich 2001 aus der Landespolitik verabschiedete. Endgültig zurückgezogen hat sie sich aber nicht. Sie ist als Vizepräsidentin der Vereinigung für ehemalige Landtagsabgeordnete aktiv und bereitet dabei Ausflüge und Besichtigungen vor. Zudem besucht sie an der Mannheimer Uni Theologievorlesungen.

Ihr Hauptaugenmerk gilt aber ihrem Mann, der seit einem Jahr im Wachkoma liegt. Sie besucht ihn täglich mehrere Stunden lang und freut sich über kleine Fortschritte des Gesundheitszustands. Dies ist nur allzu verständlich. Zumal der Verlust der Tochter, die vor einigen Jahren starb, immer noch schmerzt.

Eine kleine Freude ist indes für sie die gute Gemeinschaft in dem Hochhaus, in dem sie seit 1986 wohnt. Aus einem Zimmer blickt sie auf die Bergstraße, aus dem anderen auf die Weinstraße. Diese Aussicht ist ihr ans Herz gewachsen. „Ich bin und bleibe Pfälzerin. Deshalb mag ich gar nicht gerne länger verreisen.“