Ludwigshafen

Pfalzbau Beim großen Hanami-Treffen tauschen Fans japanischer Animes Fotos, Tipps und Komplimente aus / Kein Alkohol, aber täuschend echte Waffen

Neue Identität für ein paar Stunden

Archivartikel

Ludwigshafen.Märchenstimmung vor dem Ludwigshafener Pfalzbau: Das 13. Hanami-Happening fand am vergangenen Wochenende statt. Sämtliche Mythen, die auf diesem Planeten je erzählt wurden, nehmen hier scheinbar Gestalt an: Das eigene Cordhemd wirkt plötzlich wie eine enge, graue Zwangsjacke. Elfen, Nymphen, fleischgewordene Mangas: „Cosplay“ ist der Fachbegriff für die von japanischen Zeichentrickfilmen und -spielen (Animes) inspirierte Kostüm-Schau. Vor allem viele weibliche Fans scheinen dem Verkleidungskult verfallen zu sein. Aber auch jede Menge Jungs fallen durch einfallsreiche Outfits jenseits von jeglichem Männlichkeitsgehabe auf.

Neunschwänzige Füchsin

Andere „Jungs“ scheinen nicht das zu sein, was sie vorgeben: Yasu, Ringo und Kiwi sind eigentlich weiblichen Geschlechts, nur für diesen Tag machen sie einen auf Mann. „Crossdressing“ nennt man das. Zum vierten Mal sind die drei Karlsruherinnen mit dabei, die punkige Kluft passt gut zu den Haarschnitten. Auch privat treffe man sich regelmäßig, erklärt Yasu – und zwar zu Foto-Shootings.

Vor dem Pfalzbau fotografiert jeder jeden. Immer neue Konstellationen finden sich: Wer passt zu wem? Oder genauer: Welche Robe passt zu welchem Gewand? Sandra Dickenbrock ist gelernte Maß-Schneiderin. Momentan befindet sich die 24-jährige Frankfurterin auf einer Art Entzug: Jahrelang war sie monatlich auf ähnlichen Veranstaltungen präsent – zu viel, wenn man außerdem einen Vollzeit-Job als Schneider-Lehrerin in einem Internat ausfüllt. In ihrem aus dem Spiel „League of Legends“ entlehnten Charakter der „Neunschwänzigen rosa Füchsin“ ist sie einer der Magneten auf dem Platz. Gefühlt alle zwei Minuten klopft jemand auf die Schulter und will mit ihr abgelichtet werden. Lebenspartner Daniel Bilotti nimmt es gelassen: „Wenn was repariert werden muss, bin ich zuständig.“ Mit der ganzen Szenerie, so der 30-Jährige, könne er indes eher weniger anfangen: Opfer müssen in einer Beziehung gebracht werden.

Ist das Ganze ein bisschen wie Karneval? Kaum – die Atmosphäre ist alkoholfrei, und die Kostüme, erklärt Sandra Dickenbrock, seien nicht dazu da, sich wie bei Fasnacht selbst auf den Arm zu nehmen. Die mit hohen Pumps ausgestattete Cosplayerin ist sich sicher: „Was wir hier machen, ist eine Freisetzung von Kunst.“ Echte Ordnungshüter müssen am Samstag trotzdem ausrücken: Mehrere Teilnehmer hatten ihre Kostüme mit täuschend echt aussehenden Waffen kombiniert. Das Mitführen solcher „Anscheinswaffen“ sei verboten, so die Polizei.

„Mehr Selbstbewusstsein“

Der Fantasie sind bei den Kostümen keine Grenzen gesetzt. Laufen da zum Beispiel auch Security-Leute mit Laser-Pistolen herum? Reingefallen. Das sind Menschen aus der Zukunft. „Wo ist Daniels physischer Körper?“, schwirrt eine ironisch gemeinte Frage durch die Luft. Durchscheinend, transparent, astral, dem Irdischen enthoben – so kommt die Anime-Welt daher. „Weltflucht“ wird der Bewegung regelmäßig unterstellt. Kathrin Lehmann aus Landstuhl kann das nicht mehr hören. Klar seien alltägliche Sorgen erst mal weg, so die 19-Jährige, wenn sie nach zwei Stunden Schminkzeit in voller Montur als „Sweet Lolita“ ganz in Rosa aufläuft. „Aber das ist nicht der Grund, warum wir das machen“. Man mache Dinge, „die man sonst nicht machen würde“, berichtet Kiwi: „Die Hemmschwellen fallen, und man hat mehr Selbstbewusstsein.“ In eine andere Identität zu schlüpfen – da sind beide sich einig – das erweitere den Horizont.

Was das Spektakel besonders auszeichnet, sind zahlreiche Workshops und Vorführungen im Pfalzbau. Von japanischer Kalligraphie über Aikido, Schnittmusterentwurf, Manga-Design am Computer und „schwerelosem Perückenstyling“ bis zu „Japanisch lernen auf leichte Art“ zeigen die Veranstalter, dass es um weit mehr geht als das schönste Kostüm.

Schnell werden Kontakte unter Gleichgesinnten geknüpft. „Ich suche mir bewusst Leute aus, die sich ähnlich stylen wie ich“, sagt eine Besucherin, „und dann gibt es Tipps, Erfahrungsaustausch, und gegenseitige Komplimente.“

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/ludwigshafen

Zum Thema