Ludwigshafen

„Tatort“ aus Ludwigshafen Lena Odenthal begegnet am Sonntag in „Vom Himmel hoch“ traumatisierten Soldaten

Pathetischer Politthriller ohne Tiefgang

Ludwigshafen.Kühle Schreibtisch-Strategen, kaputte Helden, unglückliche Möchtegern-Terroristen, der US-amerikanische Drohnenkrieg mit der umstrittenen Luftwaffenbasis Ramstein und mittendrin Kommissarin Lena Odenthal von der Kripo Ludwigshafen. „Vom Himmel hoch“ heißt der „Tatort“, der morgen im „Ersten“ zu sehen ist. Mit einer Extraportion Pathos und einem Füllhorn voller Klischees ausgestattet, kommt der Sonntagskrimi als Politthriller daher. Thematisch hat sich Regisseur Tom Bohn, der auch das Drehbuch geschrieben hat, mit der gewaltigen Geschichte völlig verhoben. Dramaturgie und Dialoge können die mit Verschwörungstheorien gespickte Story nicht abfedern und auch die Figuren – mit einer Ausnahme – sind entweder überzeichnet oder blass. Deshalb ist das Fernsehvergnügen zum Wochenendfinale überschaubar.

Dabei ist der Anfang vielversprechend: Ein unruhiger Sucher gleitet mit seinem Fadenkreuz über die novembergraue Industrielandschaft und taucht stumm in eine puristisch eingerichtete Wohnung, in der sich eine Frau, völlig ahnungslos, einer Leiche entgegenputzt. Beim Anblick des erschlagenen Psychiaters Dr. Steinfeld sind die Zuschauer sofort mitten im Geschehen. Seine gelassene Praxis-Kollegin setzt Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) souverän ins Bild: Das Opfer hat als Therapeut vom Krieg traumatisierte Menschen betreut und begutachtet. Darunter die depressive US-Soldatin Heather Miller (grandios: Lena Drieschner) und den Kurden Mirhat Rojan (Cuco Wallraff), der bei einem amerikanischen Drohnenangriff im Irak seine beiden Kinder verloren hat und jetzt bei seinem Bruder Martin (Diego Wallraff) in Ludwigshafen lebt.

„Nur der Krieg ist pervers“

Als Odenthal fragt, ob es nicht pervers sei, dass sich Täter und Opfer in der Praxis die Klinke in die Hand geben, antwortet die Verhaltenstherapeutin knapp: „Es ist nicht pervers, dass sich auch die Täter Hilfe holen, nur der Krieg ist pervers.“ In Steinfelds Behandlungsräumen seien schon viele „ausgeflippt“. Warum sollen verstörende Filmschnipsel von Kriegsschauplätzen und leblosen Kindern erklären, die mitten in die Mördersuche platzen.

Sehenswert ist die Darstellung der innerlich zerbrochenen US-Soldatin Miller, die sich zu den bezeichnenden Klängen der Pop-Hymne „Strong“ von „London Grammar“ ein kaltes Cornflakes-Frühstück reinzieht. Gekonnt steckt die ehemalige Drohnenpilotin ihr zerzaustes langes Haar zum Knoten und erscheint in der nächsten Szene wie ein Phönix aus der Asche in ihrer makellosen Uniform an der Seite von hochrangigen US-Militärs, die sich Suppe löffelnd über Straßensperren und den Besuch ihres Staatssekretärs beim deutschen Innenminister unterhalten.

Mit Klischees überfrachtet

Was dann kommt, ist eine leicht durchschaubare Handlung, die mit so vielen Klischees überfrachtet ist, dass manches unfreiwillig komisch wirkt. Etwa die knallharte Lena Odenthal, die nach einer Nacht auf der Couch im Präsidium in ihrer Lederjacke aufwacht, sich erstmal die Waffe ins Halfter steckt und zum Frühstück einen Apfel in zwei Teile bricht. Dass die Verhaltenstherapeutin als Alibi ihre lesbische Liebhaberin präsentiert, von der ihr Ehemann auf gar keinen Fall etwas erfahren darf – geschenkt! Hart an der Grenze agiert der ungeschickte Fiesling-Staatsanwalt (Max Tidof) im Gewand eines schnoddrigen Privatdetektivs. Reichlich konstruiert wirken die trotteligen Rojan Brüder, die im Hinterhof an Spielzeugdrohnen herumbasteln, ein Attentat auf den US-Staatssekretär planen und eine schwulstige Videobotschaft nach dem mörderischen Motto „wir müssen töten, um gehört zu werden“ aufnehmen.

Als Lena Odenthal dem kauzigen Kopper nachweint, dessen Name immer noch unter den „Favoriten“ auf ihrem Smartphone auftaucht, und Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) sie wie ihre beste Freundin in den Arm nimmt, möchte man am liebsten rufen „auch das noch!“ Da sich die beiden nicht mehr anzicken, fällt das Fehlen echter Originale wie Kopper doppelt auf. Obwohl Lena mal wieder in die Rolle des „tough cookie“ schlüpft und mit blutiger Nase den „harten Knochen“ spielt, bleibt sie in diesem Ludwigshafen-„Tatort“ weit hinter ihren darstellerischen Möglichkeiten.

Etwas Sehenswertes hat „Vom Himmel hoch“ aber doch zu bieten: Die Chemiestadt kommt in vielen Einstellungen und starken Luftaufnahmen zu Wort und wirkt inmitten von Joystick-Kriegern, Anschlagsplänen und einem unnötig blutigen Finale herrlich harmlos.