Ludwigshafen

Lesung 88-jährige Ellen Borth blickt in der Stadtbibliothek auf ihr bewegtes Leben zurück

„Pfälzer Oma“ erzählt von früher

Ludwigshafen.Wer wissen oder sich erinnern will, wie es früher einmal war, muss dafür nicht unbedingt im Stadtarchiv recherchieren. Er kann auch die „Geschichten der Pfälzer Oma“ lesen, in denen Ellen Borth unter anderem vom Krieg und ihrer Zeit als Café-Besitzerin in Oppau berichtet. Das politische Zeitgeschehen veranschaulicht Borth in ihren Erzählungen an der unmittelbaren Lebenswirklichkeit, die Ludwigshafener Stadtgeschichte wird in ihren Zeilen lebendig: Davon konnten sich die Zuhörer bei einer Lesung in der Stadtbibliothek überzeugen.

In den Bombennächten in Oppau kam Borth, wie viele andere, manchmal tagelang nicht aus dem Luftschutzkeller heraus. Die BASF-Werke in Oppau, zur Fertigung von Rüstungsgütern umfunktioniert, waren Angriffsziel der Alliierten. Dort hatte Ellen Borth eine einschlägige Begegnung mit SA-Offizier König, der ukrainischen Zwangsarbeiterinnen mit Gewalt den Zutritt verweigerte. Die damals 16-Jährige, die offenbar schon in jungen Jahren viel von der resoluten und couragierten erwachsenen Frau hatte, beschwerte sich in der Bunkerzentrale über den Offizier. Das „Anschwärzen eines Parteigenossen“, wie Borth schreibt, blieb ohne Folgen.

Unglaubliche Begegnungen

Als sie ebenfalls als 16-jähriges Mädchen zum ersten Mal amerikanischen Siegertruppen begegnete, machten diese sich über ihre Aussprache lustig, erzählt sie in ihrem Buch. Auf die Frage, wo sie ihr Englisch gelernt habe, antwortete sie: „Von Herrn Schick in der Schule.“ In diesem Moment, berichtet Borth, sei Schick für sie „ein Agent und Spion“ gewesen, „der uns alles absichtlich falsch beigebracht hat“.

Die heute 88-jährige Ellen Borth, die ihren Erzählband im vergangenen Jahr mit ihrem Enkel, dem Schriftsteller Dirk Timmermann, veröffentlichte, hat wahrlich viel erlebt. So landete sie einst vor dem Jugendgericht, angeklagt wegen Kartoffeldiebstahls von einem Acker. Sie wurde freigesprochen. Damals galt als ungeschriebenes Gesetz, sich Lebensmittel so organisieren zu dürfen, um überleben zu können – und jeder tat es, wie sie erzählt.

Ellen Borth durfte auch in das der Stadtbevölkerung verschwiegene Schuhlager im Rathaus, nachdem sie an den Bürgermeister geschrieben hatte, als die Bezugsscheine dafür ausgegangen waren. Als Café-Besitzerin schloss sie Bekanntschaft mit einer berüchtigten Bande, deren Mitglieder sich als Gangster aus Chicago ausgaben. Den als äußerst intelligent und durchtrieben geltenden Anführer, der mit seiner Bande ganze Cafés zusammenschlug, schlug Borth mit seinen eigenen Waffen.

Sprachlich lebhaft und bildreich führt die „Pfälzer Oma“ dem Leser Menschen und Schauplätze vors innere Auge, unverblümt und direkt verleiht sie den geschilderten Situationen Komik und Authentizität, etwa wenn sie über den SA-Offizier schreibt: „Als ich König nach Jahren wieder sehe, trifft mich fast der Schlag.“

Borths Erzählungen schließen oft auch mit kuriosen Situationen, die dem Leser Interpretationsspielraum lassen. Unverkennbar entspannt jedoch endet die geschilderte erste Begegnung mit den amerikanischen Siegertruppen: „Es dauert nicht lange, da lachten wir alle.“

Zum Buch: Ellen Borth und Dirk Timmermann alias NichtGanzDichter: „Geschichten der Pfälzer Oma: 50 heitere, dramatische, unglaubliche Tatsachenberichte – von 1930 bis heute“, Verlag tredition Hamburg, Taschenbuch ca. elf Euro.