Ludwigshafen

Justiz Vergewaltigungsprozess offenbart das tragische Scheitern einer Ehe / Einschüchterungsversuche des Angeklagten

Richter droht mit Untersuchungshaft

Ludwigshafen.Die Aussage des mutmaßlichen Opfers stand am zweiten Verhandlungstag im Blickpunkt. Der Vergewaltigungsprozess gegen einen 46-jährigen Ludwigshafener vor dem Frankenthaler Landgericht offenbart das tragische Scheitern eine Ehe – und die Besonderheiten des betreffenden Kulturkreises.

Mehr als 20 Jahre verheiratet, sechs gemeinsame Kinder: Die Beziehung mit ihrem 46-Jährigen Mann war lange Zeit das, was man sich unter einer klassischen Ehe vorstellt, die von konservativen Idealen geprägt ist. Das Paar hat, wie auch die Mehrzahl der Verfahrensbeteiligten, türkische Wurzeln. „In meiner Kultur beendet man die Ehe nicht leichtfertig“, sagte die mit Kopftuch bedeckte Frau, nachdem die Gemeinschaft mit ihrem Gatten seit 2015 von Streitigkeiten überschattet worden sei. Der Druck, in der Familie zu bleiben, sei groß gewesen. Zeitweise habe sie gar an Suizid gedacht. Um die „Aggressivität meines Mannes zu ertragen“, habe sie zu Beruhigungsmitteln gegriffen.

Grenzen nicht klar umrissen

Wie angespannt die Situation auch jetzt noch ist, zeigte sich gleich zu Beginn der Verhandlung. Als Reaktion auf jüngste Einschüchterungsversuche drohte der Vorsitzende Richter Uwe Gau dem Angeklagten mit Untersuchungshaft. Als Kern der Probleme stellte sich das unterschiedliche Verlangen beider Partner heraus: Während sie – auch wegen des Stresses mit dem Nachwuchs – zunehmend die Lust verloren habe, sei ihm das Bedürfnis nach Zweisamkeit wichtig geblieben. Dass die Grenzen nicht immer klar umrissen waren, ließen die Äußerungen der Beteiligten erahnen.

Gleichwohl wiegen die Vorwürfe schwer, die den Ludwigshafener auf die Anklagebank brachten: Im September 2018 soll er seine Ehefrau vergewaltigt, ihr ein Kissen ins Gesicht gedrückt und erst von ihr abgelassen haben, als ein Nachbar klingelte. Wenige Tage später soll er erneut übergriffig geworden sein. Diesmal konnte sich die Frau befreien. Als sie ankündigte, ihn zu verlassen, habe er sie erneut mit dem Kissen traktiert. Im April 2019 schließlich soll der 46-Jährige die Reifen ihres Autos zerstochen haben.

Während der Angeklagte von einvernehmlichem Beischlaf sprach und das Kissen nur verwendet haben will, um Lärm bei Kindern und Nachbarn zu vermeiden, schilderte die Geschädigte, die als Nebenklägerin auftritt, das gewaltsame Vorgehen. Warum sie nach dem ersten Vorfall – dem Ehemann war ein zehntägiges Näherungsverbot auferlegt worden – trotzdem weiter mit ihm zusammen lebte, wurde mit „Opferverhalten“ und der Abhängigkeit vom Alleinverdiener erklärt. Auch die Neigung, Sachverhalte zeitlich zu vermischen, sei bei derartigen Straftaten nicht unüblich, führte der für die Vernehmung zuständige Polizeibeamte aus. Der Prozess wird am 30. November fortgesetzt. 

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